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Full text of "Die Geschichte der Physik an der Universität Altdorf bis zum Jahre 1650"

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Die Geschichte 
der Physik an 

der Universität 
Altdorf bis zum 
Jahre 1650 



1 



Georg Friedrich 
Klee 






Gedruckt mit Genehmigung der bobeu philosophischen Fakultät 
der Universität Erlangen. 

Referent: Herr Professor Dr. AVI edemann. 
Dekan: Herr Prolessor Dr. Hensel. 



Mit Krlauhnis dor hohen j>hilosophischen Fakultät gelaugt 
hier nur ein Teil der Dissertation zum Abdruck. 

Die ganze Arbeit erscheint im Verlage der Uuiversitats- 
buchbandlung von Max Meucke in ErlaDgeu. 




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Inhalt. 



Seite 

Vorwort , . . . . . . . . . , . . . . Y 

I. Einleitung 1 

II. Allgemeiner Teil 7 

JfT. Die ^T(Hh'y^iiier nh Vertreter der Physik . . . >')2 

IV. Die Mathematiker al» Vertreter der Phvsik .... 83 

« 

V. Schinß - \m 

VI. Verzeiehnin der ..Phynirl" und „Mathematici*' 172 

VII. IJterarische Quellen 173 

VIII. Xaehtni^^ 179 



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Vorwort 



Mit Recht wird in unserer Zeit betont, daß, ehe 
eine uml'assexide Geschichte dor Physik ge-schriehen 
werden kann, zunächst Spezialstudien in den einzelnen 
Gebieten derselben aiitrestellt werden müssen. Auf 
Veranlassung meines Lehrers Herrn }:'rofessor Dr. E. 
Wie de mann habe ich mich bemüht, die Bestrebungen 
auf unserem Gebiete in AUdorf eingeliend zu schikiern 
und zwar von Gründung der Universität an, obgleich 
ursprüngHch die Physik nur in dem aristotelischen 
Sinne gelehrt wurde. Zu meinen Studien konnte ich 
die reichen gedruckten und handschriftlichen Schätze 
der Erlanger Liiiversitiitsbil)liuthek, der iStadthibHothek 
und des Kreisarchives zu Nürnberg, sowie die Instru- 
mente des Germanischen Museums benützen. Es ist 
mir eine angenelmie Pflicht, meinem liochverehiten 
Lehrer, Herrn Professor Dr. E. Wiedemann, der 
mich fortwährend mit Hat und Tat uiiteistützt hat, 
den besten Dank auszusprechen. Auch Herrn Ober- 
bibliothekar Dr. Zucker, den Herren Bibliothekaren 
Stein und Dr. Mitius, Herrn Direktor des Ger- 



--^ VI — 



manischen Museums, Dr. v. Bezold, Herrn Archiv- 
rat Dr. Mumineiihüif in Nürnberg und Herrn Dr. 
Reicke, Kustos der Stadtbibliothek yon Nürnberg, 
sowie allen den Gelehrton, welche mir bei meinen 
Studien behilflich waren, bin ich in hohem Grade 
verbunden. 



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1. 

Einleitung. 

Die Gründung der Universität Altdorf, die um 
die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts durch die 

freie Reichsstadt Nürnberg erfolgte, ist ein charakte- 
ristisciic^j Zeicljeii ihrer Zeit. Js^iclit ein dringendes Be- 
dürfnis ließ damals eine Hochschule entstehen, sondern, 
wie Faplsen schreibt, „das Bestreiben eines jeden Terri- 
toriums seinen Bedarf an Gelehrten durch inländische 
Produktion zu decken". Merkwürdig muß es al)er er- 
scheinen, daß die Reiciisstadt nicht innerhalb der 
eigenen Mauern, sondern in einem kleinen Landstädt- 
chen diese Lehranstalt errichtete. Ein kurzer Überblick 
über ihre Geschichte wird uns deutlich erkennen lassen, 
daü das aaschciiiend gewagte Unternehmen von dem 
glänzendsten Erfolge begleitet war. Schon nach kurzer 
Z(Mt entfaltete sich in Altdorf ein blühendes aka- 
demisches Leben, das in den exakten Wissenschaften die 
schönsten Früchte zeitigte. Die Physik, deren Entwick- 
iuiv^ wir Uli folgenden betrachten wolh.'n, erfuhr zwar 
keine epoclieiuaciiende Förderung, wurde jedoch von 
Männern vertreten, die sich in der Gelehrtenwelt 
allgemeinen Ansehens erfreuten. Der Universität Alt- 
dorf gel)ährt der Ruhm, wie von J. W. Baier betont 

Klee, Inaug.*Dlii«ert. 1 



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2 — 

wird (vgl. w. u,), in Deutschland die Experimental- 
physik zuei*st in die Unterrichtsfächer aufgenommen 
zu haben. 

Zunächst mögen einige wenige Angaben über die 
Oithche Lage von Altdorf, über die Enlstf^lnnig seiner 
Hochscliule und die Zusammensetzung des Lehrkörpers 
vorausgeschickt werden. 

Altdorf, etwa 21 km südöstlich von Nürnberg ent- 
fernt, liegt an der Straße, die von Nürnberg über Fisch- 
baoh nach Kegensburg führt, in einer Bucht des 
Frankenjuras auf der dem Steihand westlich vor- 
gelagerten Liasterrasse. Dieses auf drei Seiten von 
Wäldern umgebene Städtchen wählte man, als es sich 
darum handelte, das 1526 von Melanchthon eingerichtete, 
aber mangels geeignele^ L<'lH kräi"te aUmidilieJi lebens- 
unfähig gewordene Ägidien-Gymnasium zu Nürnberg 
aus der Stadt auf das Land zu verlegen. Joachim 
Camerarius, der Freund und Genosse des Praeceptor 
(Tcrmaniae, hatte den Rat hierzu erteilt und wurde 
daniit der erste Urheber der späteren Universität 

Das Gvmnasium. das am 29. Juni 1575, am Peter- 
und Paulstag, feierlich zu Altdorf eingeweiht wurde, 
war indes ebensowenig wie die aiideren analogen 
Lehranstalten der damaligen Zeit ein Gymnasium nach 
unseren heutigen Begriffen. Es war bereits eingynuiasium 
nrndemicum oder illustre und bestand aus 4 Klassen. 
Jede Klasse hatte eiiien praeceptor; die Lehrgegen- 
standie waren die Fächer des alten Triviums, Grani-" 
jiiaUk. Rhetorik und Dialektik. Daran schloß sich ein 
Kursus von Vorlesungen von 5 Professuren überMathe- 
matiii, Jurisprudenz, Geschichte, Poetik und Theologie; 
ein Professor musicus lehrte Musik. Es bedurfte also 
nur einer Erweiterung des Lehrkörpers und der Ver- 



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leihung von Privilegien, um das Gjminasium zur voll- 
standigen Akademie zu erheben. Im Jahre 1578 er- 
hielt die Schule vom Kaiser die Genehmigung, die 

Grade eines hacoalarius et magister artiuni zu erteilen. 
Damit war der erste Schritt zur Hochschule getan und 
am 29. Juni 1580 könnt« die Einweihung der Akademie 
stattfinden. In den folgenden Jahren traten zu der 
bereits vollzähligen philosophischen Faknltät die anderen 
hinzu, aber erst 1622 verlieh ein zweiter kaiHerliclicr 
Brief der Akademie durch das Privileg, Doktoren der 
.Medizin und Jurisprudenz zu creieren, den Namen 
Universität. Das gleiche Recht wurde 1696 auch 
der theologiscben Fakultät eingeräumt. Die eigentliche 
und endgültige Vollciidun;; iler Universität erfolgte 
erst ein Jahi s|);Uer durch Verleihung der „Goimtiva 
Lateraiiensis Palatii Aulaeque Caesareae et Imperialis 
Consistoni^, wodurch dem jeweiligen Prokanzler die 
Wörde eines Pfalzgrafen ^) erteilt wurde. 

Das iirsprängliche (Jymnasiuin blicf) als eine Art 
Vorschule mit der Akademie verbunden, wurde al)er 
1633, um die Schüler dem schädigenden Einfluß des 
freien akademischen Lebens zu entziehen, wieder nach 
Nürnberg in das Ägidienkloster zurück verlegt und ist 
jetzt noch unter dem Namen „Altes Gymnasium" eine 
blühende Lehranstalt. 

Für alle NeugrOndungen dieser Zeit bildete bei 
der Organisation, die Universität Wittenberg das Vor- 
bild. Dort hatten die meisten Nürnberger Landes- 
kinder studiert und die Professoren die-^« r Universität 
bezogen von der Stadt Nürnberg für die IVüfung ihrer 

») Siehe Wöl, Gesch. d. Univ. Altdorf, S, 61 u. 62". Ferner 
FriU. Lucae. Eiirop. Helioon., Frankfurt a. If. 1711, S. 633 ff. und 
Hißtorica Norimbergensis diplorualica, Nürnljcrj; 1 S.1049— 1054. 

1* 



4 — 



Stipondi.iten ein Gohalt Wittenberg besaß nach der 
von MclanchtluMj (lurchgelührtcii Universitatbretorni in 
der theologischen Fakultät 4 Lektüren, in der juri- 
stischen 4, in der medizinischen 3, in der philo- 
snpliischen 10*). In Jena lehrten, wie aus «inem Vor- 
lesungsverzeichnis von 1591 ersichtlich ibt. 3 Theologen, 
ö Juristen, *2 Mediziner, 9 Philosophen '). In Altdorf 
finden wir die einzelnen Fakultäten etwas schwacher 
besetzt. 1586 zählt ein Lektionskatalog 3 theologische, 
4 juristische, 2 medizinische. 7 philosophische Lehr- 
stühle*). Später wurden nocli weitere Professuren er- 
richtet, die Zahl der Lehrkräfte war jedoch geringer; 
sie betrug durchschnittlich lö oi'denthche Professoren, 
indem manche derselben 2, sogar 3 Lektüren inne hatten. 
Wenn auch die Theologen alljährlich tiber die vor- 
zutragenden Dis'/iplincM Vereinbarungen trafen, so waren 
doch die meisten Professuren sogenannte „^^oraiual- 
professionen*^ und speziell die physici und mathematici 
behielten zeitlebens ihre Funktion. 

Die naturwissenschaftlichen Fächer, Chemie und 
Bolauik, seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auch 
Mineralogie und Zoologie, lagen den dnmaligen Ver- 
hältnissen entsprechend in den Händen der Mediziner. 
Das Interesse fQr Pflanzenkunde war in Altdorf von 
Anfang an vorhanden. Die Statuten des Gymnasiums 
eniplnhlen im Anschluß an lÜe von Job. Sturm in 
StraJjburg aufgestellten Forderungen den bchüiern als 
„angemessenste Erholung, Kräuter zu sammeln und 



') Will. (Jcsih. (1. Univ. Altdorf, !<. <)<). 

*) Paulsen, Gesch. tl. gelehit. Untorr. I, 215. 

') Deereta oeiiatus acaiK Altorfiensis, Blatt 289. 

Ordo sire brcvis descripHo pruiolcctioiium, Altdorf 1586. 



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yachkuiidigo über deren Eigeiischalteii zu betragen" 
Als wichtig für die Arücneimittel lehre fanden neben 
den Vorlesungen Ober Botanik Exkursionen auf den 
etwa 4 Stunden nördlich gelegenen Moritzberg statt. 
1626 wurde ein botanischer Garten angelegt, der selbst 
den berühmten Leidener in Holland übertroflFen haben 
soll. Chemie, die, wenigstens soweit ihre Kenntnis 
für die Herstellung von Medikamenten nötig war, von 
jeher in den medizinischen Vorlesungen berücksichtigt 
wurde, fand 1682 nacb Eiriclitimg eines vorzüglich 
ausgerüsteten LaboratoriiinH eingelieude Püege. Die 
naturwissenschaftlichen Sammlungen waren jedoch nicht 
besonders reichhaltig. Verschiedene Tiergerippe waren 
in der Bibliothek und in dem anatomischen Theater 
aufgestellt^). Durch die grofkrtige Schenkung von 
Treu^) kam 1768 eine Menge vou Naturalien in den 
Besitz der Universität*). 

In den mathematischen Vorlesungen wurde von 
naturwissenschaftlichen Fächern Astronomie und Geo> 
graphie vorgetragen, außerdem zwei Gebiete, die wir 

»-"^ ^ ■ ■ ■ X • 

I 

Introdactio novae scholae Altoxfiensis, lex XII, Norimb. 3 576. 
— Job. Sturm (1507—1589), Bektor des Gymnasiums zu Straßbuig, 
schuf in seiner Schule das Vorbild für viele damals errichtete Lehr- 
anstalten. 

') Siebe Abbildungen in : Altdorfii Amoenitates und J. J. Leib- 
nitz, Inclutae bibl. Norimb. memorafailia (1673). 

*) Christ. Jak. Treu (Trew), prakt. Arzt in Nürnberg (1 695—1 769) 
schenkte 1768 der Univ. Altdorf, an der sein Großvater Abdias Treu 
von 16S6 bis 1669 Frolessor gewesen war, sdnc Ober 50000 Bücher 
und 16596 Dissertationen enthaltende Bibliothek und seine reich- 
haltigen Sammlungen. Siehe Will» Gesch. d. Univ. Altd., S. 174 ff. 
n. Murr, Beschreibung der Mericwürdigkeiten, S. 555 ff. Die 
Bibliothek kam später an die Univ. Erlangen. A'gl. Nachtrag S.179. 

*) Schon vorher waren dnige Naturalien geschenkt worden. 
Vgl. A. U. A. (= Altdorfer Universitäts-Akten) 21. 



6 — 

heute in der Physik behandeln^ nämlich Optik und 

Moclianik. 

Die Physik oder phiiosophia iiat uraliH, die j?eit dem 
Entstehen der Universitäten im Mittelalter ein Haupt- 
fach der artistischen Fakultät war, hatte auch in Alt- 
dorf in der philosophischen Fakultät eine eigene 

Professur. Der Nmum' ..phiiosophia iint iiraiis" besagt 
schon, (laß <hese Physik im wtticiitlichen eine auf 
Aristoteles gestützte philosophische Betrachtung der 
Natur war. Die aristotelische Physik ist aber von 
unserer moderrien Physik sehr verschieden. Erstere 
,. Li läutert nur^, wie Christ schreibt, j,(he Jiegnfle, unttu* 
denen wir die iiirsclieinungen der Natur anschauen, 
enthält aber nicht die Gesetze, nach denen die Dinge 
werden und zueinander in Beziehung treten Ihr 
Umfang dehnte" sich auf alle Gebiele aus, die wir jetzt 
unter «Iciii Naiiien „besrhreihende Naturwissenschaften" 
zusammenzulassen pHegen; ja sogar Fragen der Psycho- 
logie und Metaphysik zog sie in den Kreis ihrer Be- 
trachtungen. 

Was von unserer modernen Physik in der ehe- 
nialiij,en Physik gelehrt wurde, ferner wie sich aus der 
aribtottilischen Physik die modernere Physik entw ickelt 
hat, hierüber soll in einem eigenen Abschnitt, in 
welchem wir über die Bedeutung dieses Lehrgegen- 
standes und den Unterrichtshetrieh reden wollen, Aus- 
l'uiu hrlics mitgeteilt werden, 

U m jedoch Verweclisl u ngen y orz u 1 >e n ( 1 1 , soll k ü nft ig- 
hin dann, wenn die Worte: Physik, physikalisch^ 
Physiker u. s. w. nicht im heutigen, sondern im aristo- 
telischen Sinn gebraucht sind, geschrieben werden: 

Christ, Ge«ch. il. ^^licfh. Literatur, lö^ö, >S. 4(i(>. 



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7 - 

Physik (arist.). physikalisch (arist.), Physiker (arist.)u.8.w. 
Der berul. 'S müßige Lehrer der Physik (arist.) möge 
„Physicus" genannt werden. 

Die Physik (arist.) wurde bis zam Jahre 1G50 in 
Altdorf von Medizinern vorgetragen, eine Tatsache, 
die von der Vielseitigkeit der damaligen Gelehrten, 
aber auch von dem geringen Umtaiig der von ihnen 
beherrschten Wissenschaften zeugt. Für kurze Zeit, 
von 1602 bis 1621 gab es eine zweite, eigene Professur 
der quaestiones physicae. Auch in der Mathematik 
trat Hrii tür einige Jahre eine Zweiteihnig in höhere 
und niedere Matheinuük ein (vgl. S. lOß). l()f)0 wurden 
Physik (arist.) und die (ganze) Mathematik ver- 
einigt und blieben bis zur Aufhebung der Universität 
im Jahre 1809 einem Professor übertragen 

Da das Jahr 1650 einen Wendepunkt in der Ge- 
schichte der Phvsik zu Altdort l)edeutet, so nnter- 
scheiden wir zweckmäßig zwei Perioden: nämlich die 
Geschichte der Physik bis zum Jahr 1650 und dann 
ihre Weiterentwicklung bis zum Jahr 1809. Dem ersten 
Teil soll ein all^renn iner Abscliuitt vorangehen, in dem 
wir einige« über (iie Wertung der Physik (arist.) sowie 
über die gesamte Stellung des Unterrichtswesens bei* 
bringen wollen. 



II 

Allgemeiner Teil. 

Die Frage, ob Physik (arist.) bereits am Gym- 
nasium gelehrt wurde, läüt sich nicht ohne weiteres 



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- 8 



beantworten. Die Statuten vom Jahr lö75'j erwähnen 
dieses Fach nicht, schreiben auch keinen klassischen 
oder scholastischen Autor vor, der Physik (arist.) syste- 

iiiatiscli ))ehandplt. In den niatheniatisclicu Vorlosiingen 
soll nur Arithmetik nach Gemma Frisius (vgl. S. 32) 
und die Elemente der Astronomie (de primo coeli motu) 
nach Johannes Bustianus (de Sacro, vgl. S. 32) gelehrt 
werden. Gleichwohl sagt der erste Rektor Erytraeus 
in einer am 30. Juni 1)7.") vor den neu eingetretenen 
Schülern gehaltenen Hede: „Etliica et physica suo 
etiam tempore in hoc pulcherrimo auditorio tanquam 
Lyceo suos habebunt in terpretes^)." Vielleicht gedachte 
er diese Disziplinen an der Schule neu einzuführen 
oder wollte damit nur sagen, daß bei der Lektüre auch 
ethische und physikalische (arist.) Fragen erörtert wer- 
den sollten. Für letztere Auffassung spricht eine Stelle 
aus des Rede des praeceptor classicus Glacianus, der 
bei Übernahme seines Lehramtes am fi. Juli 1575 in 
der obersten Klasse ausfiihrt: ^Vergilii opus nihil 
esse aliud quam historiam aut pliilosophiam fabularum 
involucris tectam ad docendos adolescentes de rerum 
natura 

Fast könnte es scheinen, als wäre unter dem Amts- 
uaelitol^er des sehr früh verstorbenen Rektors Ery- 
ti.ieus, unter Johann Thomas Freigius Physik (arist.) 
als Unterrichtsfach hinzugekommen. Er wird nämlich 
von Will als Verfasser guter Lehrbücher gerühmt und 
hat in dem Jalire ir)75, in welchem er nach Altdorf kam, 
ein physikalisches (arisl.j Werk im Druck erscheinen 

Introdiutio iiovac schülac; iiulex leguni und deseriptio 
^ krüomiin, Nürnberg löTC). 

'-) Tl>i(I, De finr stiuliormn, ö. Seile. 
•■') Ibul. Oratio (ilaeiani, 7. Seite. 



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lassen: Qiiaebliuiios physicae. in (juihiis niethodus 
doctriuam pbysicam legitime docencU describiiuliiiuerudi 
Minerva descripta est (vgl. S. 62). Die Neuauflage von 
1579 läßt ferner auf ziemlichen Absatz schließen. In- 
des ist nicht erweislich, ob das Buch in Altdorf für 
die dortige Scliule verfaßt worden ist. Freigius trat 
nänilirh am 30. November 1576 sein Amt als Rektor 
in Altdorf an; in einem Monat konnte jedoch ein so 
umfongreiches Werk nicht entstehen. Übrigens er- 
schienen beide Ausgaben in Basel, während seine für 
das Altdorfer Gymnasium gescliriebenen Bücher, über 
die Fächer des Triviums und Musik in Nürnberg zum 
Druck gelangten. Freigius war als Schriftsteller sehr 
regsam und besaß ausgedehnte Kenntnisse, die er in 
Schriften über Matlieniatik, Ln^^nk. Ethik ctt-. vor und 
nach seinem Aufenthalt in AltdoH niederlegte. Ein 
von ihm verfertigter Stundenplan^) von 1576 führt keine 
Physik (arist.) an; die darin genannten philosophischen 
F&cher sind: Mathematik d. h. Astronomie und Arith- 
metik, ferner Musik. 

Als erster „Physicus" ist in der Matrikel -J Wolf- 
gang Uegius eingetragen, der von l.''>7,') bis 1585 Präzep- 
tor der zweiten Klasse war. Wann er diesen Lehrauftrag 
erhielt, ist nicht zu ersehen. Auch die Annalen der 
Universität geben bierüber keinen Aulsdiluß, Die Ge- 
haltsaufbesserung auf 12011., die Hegius auf sein An- 
suchen bin am 1. l^c/rmber 157(3 bekam, war kaum 
eine Zulage für die Funktion als „Physicus**, vielmehr 
eine A]teräzu]ag(; Nach einer späteren Notiz bezieht 

') Boetomtus J. Th. Kreigio' dcmandatus, Xorimb. 1577. 
-) Codex, in quo omnia meiiibra Aoadcmiae Altorfinac notat« 
Buiit (A. U. A. 3). 

«) (Aniialeg), A. U. A. 9, ö. 4. 



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4 



— 10 — 

er ein abermals auf 140 il. erhöhtes Gehalt, während 
Taurellus (1547 — 1606) gleichzeitig als Pmfessor für 
Physik (arist.) und Medizin 300 fl. erhillt. 

Man kann also nicht mit liestiiuintheit angehen, 
wann l^hvsik (arivst.) in Altdorf eingeführt wurde, ich 
glaube nicht, da& dieses Fach am Gymnasium schon 
Unterrichtsgegenstand war. Weit eher raOchte ich zur 
Annahme hinneigen, daß Physik (arist.) erst nach Er- 
lit liimg zur Akademie gelehrt wurde und daü llegius 
du'se Professur neb(?n seinem Amt als praeceptor 
classicus für kurze Zeit versah, bis Taurellus, der erst 
am B. Oktober 1580 nach Altdorf kam, den doppelten 
Lehrauftrag für Physik (arist.) und Medizin dauernd 
übcrnaliin. 

Physik (arist.) gehörte zwar zu den Fächern der 
philosophischen, der untersten, Fakult&t, steht aber in 
ihr stets au einer der vorderen Stellen. Für die hohe 
Bedeutung, welche man dieser Disziplin zuschrieb, 
zeugt schon die Tatsache, daß ein zwei! er Lelirstuhl 
hierfür enichtet wurde. Die j^Physici*', die auch Medi- 
ziner waren, nahmen eine eigenartige Stellung ein; sie 
gehörten zu gleicher Zeit zwei Fakultäten an, der philo- 
sophischen und der medizinischen, und konnten in beiden 
das Dekanat fuhren. Sie lasen nur2StnFHleii nhei-Medizin, 
dagegen viermal wöchentlich Pliysik (arist.). Ihi' Ge- 
halt betrug 300--400 ü. ^). Die Mathematiker waren 



^) Nach Pftuleen (I, Ü. 252) hatt^ am Anfang des 16. Jahrb. 
100 fl. einen Geldwert von etwa 3600 M. Es ist je<loeh zu be- 
denken, dafi Ix'icitfl im folircndcn .lalnh. die Kmitkratt <k'r Im-UJ- 
nietalle wx'ii inilcr dio IliiUtc herabsank. J)a no<h kein üiieh 
existiert, ilas üljer die Kaiitkialt des früheren Nüridxrfier (Jehk^s 
Auskindl uilii, so üiul» es späteren T'nt<'rsnehnn^en vorbehalten 
.sein, hieriil»er jjenuuere Mitteilunj^en zu niaehen. 



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— 11 - 



nicht so glänzend bezahlt. Praotorius (15:57- ItUti) 
bezog anfangs 6uH., später, lÜU ti,, freie Wohnung und 
6 Klalter Holz. Dieses Bareinkommen, das im 17. Jahr- 
hundert auf 200 fl. gestiegen war und selbst nach der 
Vereinigung der Mathematik und Physik (arist.) nur 
ausnahmsweise erh()lii wnrdc. war viel oei-inuci- als 
das der Mitglieder der oberen Fakultäten. Zu der Be- 
soldung kamen jedoch noch freie Wohnung und Natural- 
bezüge an Holz/ Getreide etc., femer die Ausübung 
des Bierbraurechtes, das auf dem Grund und Boden 
der Universität ruhte. Wie aus den lieclniungen 
ersichtlich ist, erhielten (ursprünglich) die Professoren 
für Abfassung gelehrter Arbeiten Gnadengelder z. B. 
Sturm, Prof. der Math, und Phys. (1636—1703) für 
2 Bände je 18flJ); die außerordentlichen Disputationen 
wurden vom Fiijkns nnt 21 fl. honoriert. Der Ertrag 
an Kollegiengeld cm %var wolil sehr mäßig, da die 
publica umsonst die privata gegen sehr geringes 
Honorar gelesen wurden. Viele Professoren suchten 
durch Aufnahme von Pensionären in ihr Haus ihi' 
Einkonmien zu vergniüern. Offenbar waren die Alt- 
dorfer Gelehrten mit ihren ökonomischen Verhältnissen 
sehr 'zufrieden, ^da nicht ein einziger „Physicus'^ die 
oft ehrenvollen und verlockenden Berufungen von 
Fürsten oder größeren Universitäten ;innalini. Auch 
Baier rühmt nocli 1714 die „hohen Öalaria" '-^j. Allein 
für die Folgezeit waren fl.j selbst 250 Ii. zu wenig 
und man liest in den Akten öfters von Klagen seitens 
der Professoren, denen Nürnberg infolge seiner seit 
dem 30jälu*igen Krieg fortdauernden, ünanziellen Not- 



') UniversitiitKreehniiii}; von 1698/99; Km^nrc^htr Nürnhei^. 
*) Bidcr, Besehr. i\. VnW. Altilorf, ö. 83. 



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I 



läge nicht iaiuifr (ieli<»i' sehciikci^ vvolUc und koiinte. 
Später trat indes eine Aufbesserung ein und J. L. Späth, 
der letzte „Physicus"" (1759-1842), bezog 4B4fl. Fixum, 
mit Anschlag des Einkommens an Naturalien 634 fl.^). 
Allein Gedicke, „der Universitätsbereiser", nennt 1789 
in seinem Bericht an den König Friedrich Wilhelm 
von I^reußen die Besoldung der Professoren zu Alt- 
dorf „sehr gering*'^). 

Wie überall, zerfielen die collegia in 'publica, 
privata und privatissiuia. Die juiblica, die unseren 
jetzigen Hauptvorlesiiiigen entsprechen, wurden um- 
sonst und in der Regel vierstündig in der Woche ge- 
lesen; sie waren allen Studierenden zugänglich und 
forderten keine eigene Inskription. Nebenher gingen 
die privata und einem einzelnen wurde aiil Wunsch 
auch ein collegium privatissiniutn gehalten. Dieser 
Privatunterricht war Privatsache und wurde nacli Über- 
einkunft von den Studenten honoriert; gewöhnlich fand 
er in der Wohnung des Professors statt. 

Till Jahre 1589 beklagt sich ein Jurist, daß ein 
Kollege zu seinen Privatvorlesungen ein Auditorium be- 
nutze und noch dazu denselben Stoff bebandle wie er^). 
Andererseits ordnen Nürnberger Erlasse ^n : die lectiones 
publicae sollen nicht privatim gehalten werden, um die 
sIikIIosos mein- an di«^ publicas zu gLWuluK n \); ferner, 
in den Vorlesungen privatim soll man tiach derselben 
Methode lehren wie publice ). Seit 1636 werden die 

^) Akten betreff. Auflösung d. Univ. Altdorf auf dem Syndikat 
zu Erlangen. 

*) Archiv für KulturgesGhiclite (baraiisg^b. v. Stdnhausen), 
1. Ergänzungsheft, 1905, S. 61—70. 
«) A. U. A. 9, S. 83/84. 
*) Ibid., S. 30. 
*) Ibid., S. 4. 



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— 13 — 



privat» auch im Tjektioii^katalog angekündigt. AUmähüch 
traten jedoch die unbezahlten collegia publica an ße* 
deutung zurück und die Pt*ofe»$oren zogen es vor, 
ihre Hauptvorlesuiigeii privatiin /u halten. An Piival- 
sc'hülern fehlte es gewiß nicht. Ein Blick in die 
Matrikel läßt ersehen, daß die Studierenden mcht an 
bestimmten Tagen inskribiert wurden, sondern zu be- 
liebiger Zeit das ganze Jahr hindurch, wann sie gerade 
ankamen. Die zu spät Eintreffenden mußten wahr- 
.•iclioinhch durch Privatunteii iflit bei dem Dozenten 
selbst oder irgend einem der Magister das Versäumte 
nachholen, um den öffentlichen Vorlesungen, zu deren 
Besuch sich jeder durch einen Eid verpflichten mußte, 
folgen zu können. Die SHiolarcheii oder Kuratoren, 
eine aus 4 Nürnberger Kaisniitgliedern gebildete Be- 
hörde, überwachten sehr eifiig den Lehrbetrieb an 
der Universität. Die Vorlesungsverzeichnisse waren 
ihnen stets vor der Veröffentlichung zur Einsicht vor- 
zuleben und gar oft mußten die Professoren einen 
Tadel über sich ergehen lassen, wenn sie z. B. zu 
wenig Disputationen hielten oder nicht „fleißig genug 
dictierten^. 

Die Stunden für die öffentlichen Vorlesungen waren 
genau verteilt, so daß nie zwei Professoren dersellxMi 
Fakultät zu gleicher Zeit dozierten. Einen Stunden- 
plan habe ich nicht gefunden und die Lektionsverzeich- 
nisse enthalten keine Zeitangaben. Nach vereinzelten 
Bemerkungen liest Professor Praetorius, der erste 
Mathematiker, um 9 Uhr^), später naciunittag.s^). Die- 
selben btunden werden gewöhnhch dem Nachfolger 

•) A. U. A. 9, S. 76. 
*) A. U. A. 11, S. 241, 



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— 14 — 

übertragen. Im Jahre 1660 wird olfenbar eine Neu« 
Verteilung der Stunden voigenommen und deshalb die 
Zeit der Vorlesung von den verschiedenen Dozenten 

angegeben; tlainiicli trifft Matliematik von 9—10 Ulir 
und Physik (arist.) von 2 — 3 Uhr. Jede Jjektiou dauert 
1 Stunde; ein akademisches Viertel scheint es nicht 
gegeben zu haben* Sobald im Anschluß an das Schlagen 
der Kirchenuhr das Kollegienglöcklein g(*läntet wird, 
eilt der Dozent in den Hrirsaal und veiläüi ilin nicht 
eher, als bis die Stinulc abgelaufen ist. „Nec tempus 
obambulaiionibus et coUoquiis vel in porticu, vel area 
coUegii vel alibi terito*'^)! W^er ohne Erlaubnis die 
Vorlesungen aussetzt, wird nach Höhe seines Gehaltes 
bestraft. Der Mittwoch- und Sanislngnachniittag ist 
frei. Uie Ferien dauern vom 1. bis 15, Juli; nach dem 
Statut von 1623 werden sie auf den ganzen Monat 
ausgedehnt. Später werden sie auf die heißeste Zeit 
vom 29. Juni bezw. 25. Juli bis 10. August verlegt. 
All hohen Feiertagen wurdt; ursprnnglirh keine Vakanz 
gehalten. Trotz dieser strengen Bestinnunngen durften 
die Mediziner nebenher ihre ärztliche Praxis ausüben 
und die „Physici**, die der medizinischen Fakultät an- 
gehörten, mögen manchmal iln e Vorlesungen eingestellt 
haben, ih sie» von Vornehmen auch in die Ferne ge- 
rufen wurden. 

Jede Fakultät hatte ihren Hörsaal. Die medizi- 
nische besaß eigene Institute, ein anatomisches Theater, 
ein chemisches Laboratorium und einen botanischen 
(iarten. Außerdem gab es uui h ein auditorium niatlie- 
maticum. Eine Abbildung von einem zu den Vor- 
lesungen ausgerüsteten Lehrzimmer habe ich nicht ge- 



'j A. U. A. 1 u. 2, lex I. 



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— 15 — 

fanden, doch lassen sich aus den Kupferstichen in den 
Amoenitates Altorfinae^) einige Schlüsse auf die Aus- 
stattung eines /»olclien ziehoii. fm Vordeigmnd steht 
ein erhöhter Katheder mit Lesepult; seitwärts von 
demselben an der Wand liängt eine schwarze Tafel. 
Kreide war schon damals ein gebräuchliches Schreib- 
material. Dem Lehrer gegenüber sitzen die Hörer. 
Die Bänke sind änderst einfach ohne Kücklehnc und 
Pult. Die Studierenden muüten also Buch oder Schreib- 
heft auf den Knieen halten, oder es wurden schmale 
Tische vor die Bänke gestellt, wie das auf älteren 
Holzschnitten zu sehen ist. Da aber nach Abbildungen^) 
ans dem IG. .lalirhiindert bereits Pulte im Schiilzininier 
Verwendung tinden, so dürfen wir die Bänke auf tab. 17 
der Amoen. Altorf., welche im Arbeitssaal des Alum- 
neums stehen, für damals übliche Schulbänke erklären. 
Diese sind von unseren heutigen kaum verschieden. 
Das lircitc. s( lirä<z:e Pulthrt^tt setzt sich öl>en wagrecht 
fort, uiu reichiicii groJjen Tinten- und blreusandgefaßen 
Platz zu geben. 

Für die Hörer ist kein Lehrplan vorgeschrieben. 
Die „provectiores scholastici**, welche zum erstenmal 
an die Akademie koiiinien, sollen nehen den Antaii^^s- 
gründen der Grammatik, lihetorik und Dialektik Philo- 
sophie studieren : Himmelskunde, Arithmetik und Physik 
(arist.) privatim und publice. Die Verordnungen von 1 623 
treffen hierüber keine Bestimmungen, empfehlen aber 
auch den Hörern höherer Pnknltiittin die Philosophie 
nicht zu vei'uachlässigen -^j. So wird im Jahre 15B9 in 

') Tnh. II u. \X 

•) Mehrere AhlüMunirrii in: Mouojrrai)lii«Mi «l<Mitsch. Kiiltur- 
g«»sfhielit<' l»<I. 7, <l< r (ielehrle, iiiul B»!. 1), (U i- I.rliK i. 

') A, U. A. 1. k>x Xri, — Die Eintuihiii^; der L nlerrkhislädier 



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— 16 — 

einer Sitzung der Scholarchen zur Sprach o uohracht, 
daß die theologischen Stipendiaten wegen KoUidierehs 
der Lehrstunden die mathematischen Vorlesungen nicht 
besuchen können^). Physik (arist.j gilt als eine Wissen- 
schaft, „die", wie es in der Physica erotematica von 
J. Chr. Sturm (vgl. 8. 25 u. S. 177) heißt, „einem, der 
Arzt werden will, die ersten und gemeinsamen Fun- 
damenta unterleget, in einigen Fällen zum Recht- 
sprechen notwendig ist. den Theologen zur Liklaiung 
der heiligen Schrift dienet und reiche Materie bietet 
die Predigten schön auszuzieren." 

SieJierlich hatte der ^^Physicus" eine ganz statt- 
liche Zuhörerschaft. Genaue Zahlen lassen sich nicht 
augeben, da die nötigen Anhaltspunkte fehlen. In der 
Matrikel ist nie die Fakultätszugehörigkeit oder Auf- 
enthaltszeit der Studenten angegeben, sondern nur der . 
jährliche Zugang, der sich durchschnittlich auf 100l>e- 
läuft. Nach Will hielten die meisten Besucher der 
Universität das akademische (juinquenniuni inne und 
es ergäbe sich somit ein Jahresbestaud von ö(iO Stu- 
dierenden. Paulsen nimmt die Frequenzziffer einer 
mittleren Universität ab zwischen 300 und 400 
schwankend an. Betrachten wir also 400 als nicht zu 
hoch gegritt'cn, so erlialtcn wir eine Jahresfrequenz, 

nadi Triviuni und Quadrivium geht im Laufe der Zeit verloren. 
Ba^its im Mittelalter wird an den UnivenitSten Physik (arbt.), Meta- 
physik und Ethik in das Quadrivium aufgenommen und, um die 
hergebrachte Siebcnzehl nicht m zerstörai, die alten ,,arte8" des 
Quadriviums (Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik) al** 
Mathematik zu einer Disziplin zusammengefaßt. Aber auch dieses 
Schema y^nriscbt sich. 1582 z. B. sind die Fächer d» phil. 
Fakultät zu Altdorf : Oratoria, Historia, Mathematik, Physik (arist.)i 
Poesie, Dialektik, Ethik. 
') A. U. A. 9, 8. 76, 



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die auch Will für das Jahr 1602 anp:iht. Angenommen auf 
jede Fakultät treffen rund 100 iStudtiittui, so ma^, da 
die philosophische Fakultät 10 Lektüren hat und nie- 
mand mehr als 5 Vorlesungen an einem Tag besuchen solf, 
die Hörerzahl des „Physicus* m 50 angesetzt, eher zu 
niedris; als zu hoch gewühlt sein. Im 3(>];dingen Krieg 
ist die i^'requenz nicht wesentlich gesunken. Nur als 
sich 1631 und 1632 die feindlichen Heere bei Nürnberg 
zusammenzogen und Altdorf selbst besetzt' wurde, da 
standen die Hörsäle der Universität längere Zeit leer. 

Für den von den Professoren voiziitragenden 
Lehrstoff gab es im codex legum behtimmte Vor- 
schriften. Dieser codex legum ist in zwei Fassungen vor- 
handen. Die ältere datiert vom Jahre 1582; die neuere 
entstand 1623, als die zur Universität erhobene Aka- 
demie infolge Erweiterung des Lehrkörpers einiger 
Statutenänderungen bedurfte. 

Diese Akten sind meines Wissens noch nicht ver- 
öffentlicht (A.U.A. 1 u. 2). Es sollen daher die für 
den „Physicus'* und „Mathematicus'^ geltenden Be- 
stimuiuugen mitgeteilt werden: 

De physico (1582). 
I. 

Fhvsicus mhne philosophator et recte oxi)liciitÄra artciu. et (luae 
minuB habeat spinoeanim quaestionuin et vitü, sub auditoribiiB 
inctdcato. 

II. 

Ad inspectionem et considerationem elementoriim et piilchern- 
moriim in mundo corponun, motnnm et qiialitatum suob auditorce 
dediicito. 

III. 

Ordinem et positum codi, ßtellarum, aeris, aqnae, tcnju-, 
disnimina aeriae seu ccielcstis naturao et corpomm miitabilium. 
item elementOTum et qnalitatura eis ostendito. 

Ktcp, Inaug.-Diisort. 2 



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- 18 -~ 



IV. 

In oodeiti corpore membra (limiroiliina et matcria et usu 
fabrieata esse consideiiiFe iubeto et quae sitit praecipua iratritionis 
<^gana, quac sedes affeetiium, (|uac pars ratiocinatrix et rcgina 
V(4iinta8, parspicue deelarato. 

V. 

Do online qaoque et metbodo iii deolarationc huius »oientiae 
Benranda auditores scdulo admoneto. Et phyalcam doctrinaiii in 
veatibiilo numerare prima corpora et poetea eorpoiibuB attribiiete 
proprietates, ]oea, qualitates, tnotus; detnde in mixtione ostendeve 
effectiones et gra<Iu8 Hino ad mixta procedi^ ad deRcriptionem 
hominis et conBiderationem singulonim membromm» ad natoras 
animantiiuD, plantarum et aliarum rerum in terra naaoentium pro- 
ferenda» et singulari studio et accurata induetria eos oommonefacito. 

vr. 

Cmnqu»' doctriiia ])hysi('a ex philosophoriim fontibiis hauriciula 
fiit, a<l Arifitotplom auditores et iuveiitiitein «ledueito. Si (jiiae inaiies 
argiitiae et quaet^tioncö parum commodi adferentes admiaceotur^ eas 
praccidito et abiicito. 

VIX. 

l't auteni Aristotelica doctrina iiivcntnti notior fiat. lil>eüo» 
PiiUipplMeaiitlioni^f, (sicl) physicttm et deanima, in quibus materiac 
explicantur dextre et rompeiuliose, ei foninunidato et praelejrito. 
lutenluin etiam Velcurionis iihollo physicg adiuugeiido, ut lianc 
. philosophiae partem ex iaüa rivuiis primo degustet et feliciter 
discat, earo impeUito. 

De phyBico professore (1628). 
I. 

Physicus Bobrie philoBOf^tor et a spinoatB futilibuaquc quaenti- 
onibus consulto abstincto. 

II. 

De oidine quocjue et methodo in declaratione haius scientiae 
servanda auditoics sedulo admoneto. 

IIT. 

C'iunque doetrina phydca ex philosophoriim fontibufl haurieuda 
Bit, ml Aristotclem potissimnm auditores doducito. 



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• 



19 — 

De mathematlco (1682). 
I. 

Mathematicus praec^ta arithmetices, quibuB Tita carere non 
polast, et qdbttfl ])riieceptis iatn fldittts od doctrinam motuum 
oodestiura putet, ex HMIo (tcmmae Frisii discentibii« simplici cnar- 

» 

rationo explieato. Quo itorato repularum fiiiidaincnta ox Euclidaeis 
thcorcmatiljus raoustrato. Quandoque pro auditorinn conditioiie jd- 
gcbrao prawiptu adiicito. 

II. 

lifidem horis interdom g^ographiae dement« ex priore parte 
Glarcani vel Mmili aliquo libdlo pro|)onito. 

III. 

In georaetrieia et astronoraiciR primura sex priores libros et 
XI. Euelidis. Ddnde sphaerica Theodosü et Menelai, nsiim tabulanim 
sinuum et triangtilorum planorum et sphacrioorum doctrinam, 
quatenns ea aatronomiae necessaria est. Denique I. et II. almageati 
Ptolemad et ex bis sphaericam doctrinam h. e. astronomiae elementa 
tiadito et illustrato, cumque in seholis untatnm sit, Johannis de 
Sacra Busto libeUiim auditoribiia proponere, eum non pehitus negligito. 

IV. 

Dance})» vero horaa partitor, ut biiuie theoricis planetarum 
Berviant, rdiqtüs duabus nonntüloa et bis libellis, ut Autolyei de 
sphaera, qnac movetur, item de ortu et occasu siderom, Theododi 
de habitationibus, item de noctibua et diebua, Euelidis opticen vel 
phaenomena Ariataxehi de magnitadine et distantia solie et lunae, 
enanato. 

V. 

His seincl absobitii* ad cuikIi ih (iniincin iiciiim recurrito. Si 
vcro »diqui ex auditoribus pmiiioli iiltciiii.s volikiiiU, pro]>tor (h>h 
iiiifun ox <|UHtuor hori« ad roni imiiindiiin (siel) vel Ptoicmaei vel 
Copcrniei eiuirrationeiu siuuitu et in uani coiiferto. 

VI. 

Omuia illa ad intelligeiidas mitii partes ot te!n|K»ra calemhiria 
anniia. Eelipsiuni indieationes, \ri iim t j^liiMiifiiiliitn et romputi 
ccclcäiaätic'i mum coiivcrtito. Nee lubuiuruiu iustrouoraicaruin 

2* 

^ — 

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- 20 — 



diiigentcin traetatioiieni nniittito. ()uiii ctiam rationom ori^oiulanim 
figtiramm codi, computanili terrae dimenRiones, item longitudlnes 
loportim inventuti accnrate praeaeribito et ORtendito. 

De mathematico professore (1623) 

I. 

Mathcmaiictut praec^ta Arithmetiecs simplici enarrationc 
expUcato et regularam fiuidamenta ex Euclidois theorematibus 
monstrato. Al|;ebratn ctiam et logistioam niinierorum irrationalium 
. nonnunquani tradito. 

TT. 

lis<leiii ht)iU iuterduiu gtx)giai)hi('a eleiueiita projK)iiito. 

III. 

In ^eojnetricis et afitronomicis primutn sex priores libros et 
undor'iiniitn Euelidis, deinde sphaerica Thwdosü et Menelai, usum 
tnbularum siiniiun ot (riaiifriilonim plaiioruin et pphaerioonim dm*- 
trinaui. (|uat('iius ca astroiioiniae ntncssaria ist. «Icniqiir juiuuiin ot 
secuiKlum iiliniiiiisti l'lol« ol ex Iiis spliiuricaiu tloctriimni. 

hoc rst astruuoniiae clonuutu Uadito et illustrato. ('nnH|iH .11 
iiiii\ - 1 -ii ;ii iWns usitiiliim sit Joaimis de Sacro HuHto lilHlluin audi- 
torilni)^ ]>r()puiu'it', euiu nun pciiitus negligito. 

■ 

IV. 

Ddnecps vero horas partitor, ut binae theorüs planetanim 
serviant, rdiquii» duabiis nonnuUos ex bis libellia, ut Autolyci de 
sphacra» qiiae movetnr, item de ortu et oooasii siderum, Theodoaii 
de habitationibus item de noetibus et diebus, EocUdis opticen, vd 
phaonoruena AriRtarcbi, de magnitudine et distantia solis et Innae, 
enarrato. 

V. 

His aemel abscdutis ad eundcm ordiiicm itcrutn recurrito. Si 
vero aliqiü ex auditoribus pro^redi uUeriuB voluerini, pi-optor eoa 
unam ex qnatuor horis ad continnandam vel Ptolomad vel Gop^iei 
cnaiTationcm stunito et in eara eonferto, nee tabulamm astronomi« 
Carum dilijrentern traciatioiieiu omittUo, (|uin etiani rationem 
orij^endannn fijrnrarum focli, oompiitandi terrae diraensiones item 
loiijritiulines et lalitiuliiie-i lucoruni iuveiituti aeciirale praeseribito 
et o^teiidito. 



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VI. 

()ni!iia illa ad iiiirih'ircnflüs aiiiii |»artos »-t toivuHtru laKiulaiia 
aninia. Iv li ijiviuin iiidii aüoii(.*J5 verum epiioineriduni vi coiupuü 
ec'clesiastici usuin applicato. 

Die Vorschriften für den ^Physicus** geben uns 
keine genaue Vorstellung von dem Umfang und Inhalt 

der physikalischen (arist.) Vorlesungen. Sie weisen den 
Lehrer an auf Aristoteles /m iickzugehen, die Büclier 
von Melauchthou über ^Physik (arist.) und De anima 
bisweilen auch den Kommentar des Velcurio zu ver- 
werten Unterziehen wir die Vorlesungsverzeichnisse 
einer Durchsicht, so finden wir. (1mJ.{ \m Ende des 
17. Jahrhunderts von den an.siuU'lischen Schritt en in 
Betracht kamen : 1. Acroasis, 2. De coelo, Do ortu 
etinteritu, 4. De anima, 5. Meteora, 6. De animalibus,- 
7. Parva naturalia. 

Wie bereits in der Eiideilung erwähnt wurde, ist 
die aristotelische Pliysik iui. 16. und 17. Jahrhiuidert 
vollkommen verschieden von der V^issenschaft, die 
heutzutage in den physikahschen Kollegien gelehrt 
wii'd. Vor allem ist der Begriff der Physik (arist.) viel 
weiter gefaßt. Neben Aristoteles gibt es noch eine 
zweite Autorität; die iieilige Schrift. Wir Hndr n darum 
in den den Vorlesungen zugrunde gelegten Lehrbüchern 
der Physik (arist.) Abweichungen von der rein ari- 
stotelischen Lehre, wenn es das Bekenntnis erfordert. 

Die Statuten von 1()23 .sind Inr den „Physicus" 
bedeutend gekürzt und enthalten keine Vorscluiften 



^) McJanehthonft physikalische (arist.) Schriften sind: C!om- 
mentarius de anima (1540) und Iiiitia doctrinae physicae (1549). 
Job. Velcurio urar Professor io Wittenbeiic, er schrieb Commentarius 
in univGTsam pbysicamJAristotelis (1544). Vgl. Paulsen ^.25du. 
Nentwig, die Physik an <l. Univ. Helmstedt (1891), S. 13 ff. 



22 — 

über den in den Vorlesungen vorzutragenden Stoff. 
Vielleicht sollte dem ^Physicus^ dadurch ein größerer 

Spielrcium eingeräumt werden. Chiirakteristisch ist der 
erste Absatz, der fast gleichlautend ist mit dein ereten 
Absatz der älteren Verordnung: Der „Fhyäicus** .soll 
den Boden des Tatsächlichen nicht verlassen und sich 
nicht in spitzfindige Spekulationen verlieren. 

Die Spraehe des Unterrichts ist die lateinische'). 
Die Verlosungen sollen dem Verständnis der Hörer 
angepaßt sein. Der Dozent soll sich klar und deutlich 

*) Es gelang mir nicht fosteuBtellen» von wann ab in Altdorf 
die Vorlesungen in deutscher Sprache gehalten worden. Die Lektion»- 
verzdchniase vom Jahre 1773 sind nodi latdniBdi abgefaßt. Daraus 
kann man jedoch keine weiteren Schlüsse auf die Vodesungen 
sdbst ziehen. Denn auch in Disputationen, Promotionen und 
anderen öffentlichen Akten wurde bis tief in das 19. Jahrhundert 
hinein die lateinische Sprache betbehalten. E. Beicke (Der I«hrer, 
Monographien zur deutschen Kultuigeschicbte, Bd. 9, Leipzig 1901, 
S. 125) nimmt an, daß sich seit 1687, in welchem Jahre Professor 
Christian Thoraasius (1655—1728) in Leipzig als erster eine 
deuteche Vorlesung in dar Muttersprache aiigeschlagen hatte, 
wenigstens die Vorgeschritteneren unter den Professöien derdeutsdien 
Sprache bedienten. Fast 200 Jahre vor Thomasius hatte Theo- 
phrsstus Bombastus Paiacelsus (1493 — 1541), für kurze Zeit Pro- 
fessor der Medicin in Basel, seine Voiiesunj^eii deutsch gehalten.^ 
(Siehe E. Beicke, Der Gelehrte, Moiiojrr. ?.. deutsch. Kulturgesch. 
Bd. 7, Leipzig 19(10, H. 92). Das war aber nur ein vereinzelter Fall. 

Daniel Sehwenter, Professor der Matlieniaiik in Altdorf (vgl. 
H. H3f.), der überliaiipt die MuttersjmK'he sehr bevorzugte, seheint 
Avenigstcns in den Privatvorlesungcn die deutsehe S])raehe gcbraiu lit 
zu haben. Dctin er selbst beriehtet, versehie<lene seiner Ibirer 
seien des Laleinisrhin unkundig gewesen, und ein deut^eh ge- 
sehriebencs, aul ilin /.urüekgehendi s .Maiiu>rri[ii (in Erlangen vgl. 
w. u.) trägt als Kennzeiehen eines Dikt.iti s i ine seliüierhaft kam- 
kierte fnalhemnti-jch«' Fiirtir iSiehe (ieometria praetiea nova, Niirn- 
bui'g IUI 6, Vorraic. Vgl. auch 117,». 



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ausdrücken und darf sich, wenn es die Schwierigkeit 
erfordert, der Umgangssprache bedienen: pro])riis, 
doniesticis et perspieuis verbis inculcato^). In der 
neuen Fassung von 1623 fehlt „doniesticis", vielleicht, 
um den Unterricht dem Verdacht der Unvvissenschaft- 
licbkeit zu entziehen. Die Hörer haben den griechischen 
Text des Aristoteles oder Euklid vor sich. Paulsen 
vertritt zwar die Ansicht, daß „die Kenntnis der 
griechischen Sprache bei den meisten Hörern schwer- 
lich zu selbständigem Lesen des Textes aiii^gereicht 
haben" mag, allein in Altdorf scheint auf Griechisch 
ziemlich großes Gewicht gelegt worden zu sein. Im 
Gymnasium wurden bereits Übungen in loquendo et 
scribendo graece gehalten und in den ältesten Vor- 
lesungsverzeichnissen ist ausdrücklich erwähnt, daß 
„graece" gelesen werden wird. Die Tätigkeit des 
Professors ist ein explanare, docere, interpretari, 
cnarrare. „Er gibt also eine Übersetzung zur Darbietung 
des sachlichen Inhalts. Die einzelnen Slelk ii werden 
herausgehoben, Erklärungen und Beweise für die Haupt- 
sätze gegeben, Widersprüche und Einwendungen er 
örtert, durch Anführung praktischer Beispiele das 
Allgemeine illiisiricrt" (Paulsen). Durch Fragon cui die 
Hörer überzeugt sicii der Vortragende, ob alle seine 
Ausführungen verstanden wurden. Ebenso steht es 
dem Hörer frei, den Professor um näheren Aufschluß 
zu bitten. Ist ein bestimmtes Pensum vollendet, so 
wird repetiert, was walu'scheinlich in einem Examinieren 
besteht. Wenn es die Schwierigkeit nicht verlangt, 
soll der Dozent nicht allzulange bei demselben Gegen- 



') A. r. A. 1, H. 2, X u. ilml. 2, VJI. 
») Paulsen 1, 8. 26U. 



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— 24 — 



btainl verhariH'ii und 8ull naiiiüntlicli sv'mv Zuliörer- 
»chat't nicht durch allzu ausgedehnte Wiederholungen 
ermüden. Wenn ein Teil derselben weiterzufahren 
wfinscht oder wenn ein größerer Zugang unter der Zeit 
crfoli!:!. wcKlcn dio Stunden j^otcilt, in den eiiK ii wird 
repetiert, in dun andci i u W(Mtergt4eson. Ein einmal 
begonnenes Buch Uiuü zu Ende geführt werden. „Die 
Anlehnung an den Urtext hindert natürlich nicht da- 
zwischen den zusammenhängenden Vortrag". Nebenbei 
UHUS et i)er.s[»i( iiilat is cauba - werden die Schriften 
eines Interpreten benutzt, gröiitonteils die von Me- 
lanchthon (meist nur l'hilippus genannt); die be- 
treifenden Stellen weixlen daraus vorgelesen. Die ratio 
docendi ist die, welche die alten und neueren Ge- 
lelii ten eingeschlagen hjiljen z. H. SclK^j^kius, einer der 
berühmtesten Aristoteliker des lü. Jahrliunderts. Nach 
Absolvierung eines grölieren Abschnittes, oft im An- 
schluß an die Kepetitionen, wird eine kurze Zusammen- 
fassung dessen, was im Unterricht gewonnen wurde, 
eine „analysis h>gica*^ den Stndiorendon in rlie Feder 
diktiert. Dazu war der Professor \ er))t1i( litet und für 
die große, dem Diktieren beigelegte Bedeutung spricht 
ein Edikt von 1650'): »Das dictim recht fleißig in acht 
zu nehmen". Auf diese Art und Weise sind mehrere 
\\ ( i ke von Alldorfer Professoren als Mannski ipte er- 
halten geblieben. Manche ließen ihre Vorlesungen 
drucken, um sich und den Hörern das unbequeme und 
zeitraubende Diktieren zu ersparen. 

Die Kollegien wurden damals noch nicht Semester- • 
w eise geles(»n : dies w urde erst 1 723 nach vielen Kämpfen 
eingeführt. Früher hatten sie einen ungewissen An- 



») A. U. A. 8.; 5. Okt. 1650. 



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— 25 - 



fangs- und Eiultonniii. Es vergingen 2, .sogar Ii Jaliie bis 
Ȋmtliche physikalische (arist.) Schriften des Aristoteles 
durchgegangen waren und der Zyklus von vorne be* 
gann. Bei diesem ausgedehnten I^hrstoff fanden zwei 
„Physici" \nliküininen Beschäftigung. Wie sie sich 
im einzelnen darin teilten, ist mir nicht bekannt ge- 
worden; vielleicht ähnlich wie in Jena^), wo 1591 der 
eine über Aristoteles, der andere über die physikalischen 
(arist.) Schriften Melanchthons liest. Seitens der Zu- 
hörer bediuile es wohl eines giolien FleiJjes und einer 
bewunderungswürdigen Ausdaiior, um bei derartig 
schleppenden, höchstens durch 4 Wochen Ferien unter- 
brochenen Vorlesungen das Interesse nicht m ver- 
lieren. 

^'ach einem im Drucke erschienenen Kolleg- 

heft des Altdorfer Professors Treu (1597— löGi)) zerfällt 
die Physik (arist.) in einen allgemeinen und einen 
speziellen Teil. Der erste Teil befaßt sich mit den 
allgemeinen Prinzipien, mit den verschiedenen causae, 
mit den Begriffen, der Bewegung. Zeit, Raum, Vakuum 
etc. Der zweite Teil handelt von dem Himmelsgebäude, 
den vier Elementen und dem daraus Zusammen- 
gesetzten, ferner von den Lebewesen, besonders dem 
Menschen nach Leib und Seele. Auch die von Sturui 
(1635 — 1703), dem Amtsnachfolger von Treu, um die 
Wende des 17. und 18. Jahrhunderts verfaMen Werke, 
Physica hypothetica und Physica erotematica, die lange 
Zeit in Altdorf beliebte Vorlesungsbücher waren, um- 
fassen noch das i^leiche Gebiet und betrachten die ganze 
Natur. Erst nach (^or MiWv. des 18. Jalu'hunderts 
werden infolge des fortwährenden Wachsens der 

>) Dccreta scmlm uml. Attdorf, Blatt 289. 



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1 

I 



— 26 - 

Wissen.schaften au« tieii Lehrbüchern der Thysik oder 
. Naturlchre, z. 13. von Karsten'), die Gebiete übex* 
Psychologie, Physiologie, Zoologie, Botanik ausge- 
schieden. Dagegen enthalten sie Kapitel über Erd- 
und Himmelskunde , Meteorologie, namentlich über 
Chemie und der dannt zusannnenhängenden Mineralogie. 
Damals erhob sich ja die Streitfrage in der Literatur, 
, wo eigentlich die Physik abzugrenzen sei, ob Chemie 
noch dazu gehöre oder eine selbständige Disziplin bilde. 
Ich glaube nicht, dat» in Altdorf Chcniic im physika- 
lischen Unterricht niehi berührt wurde als es heutzu- 
tage in den Kollegien über Physik geschieht, da eigene 
experimentelle Vorträge über Chemie und auch Mine- 
ralogie stattfanden. Ein Übereinandergreifen dieser 
beiden so nahe verwandten Wissenschaften ließ sich wohl 
uiemals ganz vermeiden. Uber den chemischen Unter- 
richt in Altdorf beabsichtigt Professor Dr. Henrich 
in Erlangen entsprechende Mitteilungen zu machen. 

Von dem, was wir heute unter Physik verstehen, 
linden wir bei Aristoteles sehr wenig erwähnt. Im 
vierten Buch der Akroasis wird die Theorie der Wurf* 
körper behandelt, die nach Heller „den Anlauf zu einer 
Auffassung des Trägheitsgesetzes enthält''. In der Schrift 
Meteora istvon Glatteis und Schnee, von Blitz und Donner 
etc. die Hede. Die Erscheinung des Regenbogens und des 
Halo geben Anlaß zur Erörterung der Ablenkung des 
Lichtes^). Ferner werden im 4. Buch die Eigen- 

Wenoesl. Joh. -Oust. KareteiiB Anleitiuig zur gemeinnfitz* 
liehen Kenntnis der Nalur, Hfdle 1783. 

*) In der Optik wird noch in dieser Zeit wie auch froher 
das Wort Bcfleiuon und Refraktion als gleicbbedeatend gebraucht. 
(Vgl. E. Wiedemann, Beitrage XI, Bitznng^bw. d. phya.-mod. 
Soc. Erlangen (1906), Bd. 38. 



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schatten der Körper lülirt: Häiiinierbarkeit, Brecii- 
bai'keit, Dehnbarkeit, Brennbarkeit, Yerdampfungs- 
föhigkeit ete.; schließlich wird auch die Temperatur 
erwähnt. Das 7. Kapitel des 2. Buches der Schrift De 
anima handelt aus.sdi]ieL\lich von dem Lieht. Im 
2. Kapitel von De sensu et sensibili (über die Sinne) 
bespricht Aristoteles den Gesichtssinn, im 3. Kapitel 
die Farben. Ob jedoch die letztgenannte Schrift, 
ebenso die aus seiner Schule stammenden Quaestiones 
niechanicae, die eine Reihe auf Mechanik bezüglicher 
Probleme enthalten, von dem „Fhysicus" interpretiert 
wurden, läßt sich nicht entscheiden, da die Samm- 
lungen der Vorlesungsverzerchnisse große Lücken auf- 
weisen. Velcurio erklärt in seinem Aristoteleskom- 
mentar, Mechanik sei ein Lehrfach der Mathematik. 
Derselbe Autor bringt außer dem, was bereits oben von 
aristotelischen Schriften hervorgehoben wurde, weiter 
nichts Physikalisches, als eine Beschreibung des Auges 
nach Pliiiius. Auch in den Quaestiones phy.sicae von 
Freigius (vgl. S. 64) sucht man vergeblich nach der 
ftrwahnnng eines Api>arntes. wie des Hebers oder des 
Heronsbailes. Nur ein Kapitel über Optik erinnert an 
ein modernes Physikbuch. Optik und Mechanik ge- 
hörten statutengemäß in das Gebiet der Mathematik 
und sollen weiter uuteu, wo wir über die Mathematik 
handeln, näher besprochen werden. Von Treu, der 
1650 zu seinem Lehramt der Mathematik auch das der 
Physik (arist.) erhielt, wurde in dem 1657 publizierten 
Directorium niathematicun) alles das. was nici'jbar ist, 
aus der Physik (arist.) ausgeschieden und der Mathe- 
matik zugeteilt. So zählt er 7 mathematische Fächer 
auf, in welche sich alles einordnen laßt: Arithmetik, 
Geometrie, Astronomie, Geographie, Optik, Harmonik 



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— 2b - 



und Mechanik \). llydniulik z. B. gi liört zur Mcciianik, 
„da man von dci* Bescliaffcnheit des Howcgton absehen 
kann^. Der Physik (anst.) fällt somit die Betrachtung 
desjenigen zu, was nicht meßbar ist. In seiner Physica 
aristotclica (Kollegheft v. lönn) linden sich wohl ab 
uiul zu Kxpeiiinente ci wähnt. Bei tien akustischen 
Erscheinungen wird auf die Saiteninstrumente hin- 
gewiesen undj um ein Beispiel für die Unmöglichkeit 
des Vakuums zu bringen, erinnert Treu wie die Alten 
au den Saugheber. Allein wie schon dei- Titel dieses 
Konipendiuijis aussagt, haben wir es hier noch mit 
aristotelischer Physik zu tun. 

Eine neue Epoche beginnt mit dem Amtsantritt 
von Joh. Chr. Sturm 1669. Er faßte zwar Physik (arist.) 
noch in dem weilen, nl)en skizzierten Ihnlang, brach 
jedoch inhaltlich mit der alten peripatetischen Auf- 
fassung, nannte selbst seine „Physica'' „moderna et 
sanier** und stützte sich auf die Anschauungen und 
Entdeckungen seiner berühmten Zeitgenossen Carte- 
sius, Turricelli, Guericke, Pascal, Boyle, lluyghensn. a. 
in den Vorlesungen besprach er die von diesen Mämiern 
angestellten Experimente und zeichnete die dabei be- 
nutzten Apparate an die Tafel. Begreiflicherweise regte 
sich dadurch })ei Lehrer und Schulern der Wunsch, 
diese Versuchen rtelb^^l aufgerührt zu sehen und so ent- 
schloß sich Sturm, als erster in Deutschland, 
durch öffentlichen Anschlag am 8. Juni 1672 
ein collegium experimentale sive curiosum 



^) Ks ist interi'ssituit zu sehen, wie Treu die Mechanik als an- 
gewandte IVfathcmatik m den mathematiscben Diseiplinen rechnet 
Vgl. E. Wiodemann, Beitrage XI, SitKiuigsber. d. phy8.-ined. Soo. 
Erlang. (1907), Bd. 39, S. 99ff. 



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anzut^üudigen Dies war eine Privatvorlesung und 
von dem eingegangenen Honorar wurden die nötigen 
Apparate beschafft, nämlich Taucherglocke, Camera 

oitscura, Torricellische Röhren (Baroskope), Luftpumpe, 
Thermometer, Hygroskoi)e, Teleskope, Mikroskope, Ge- 
räte zur Demonstration hydrostatischer und aerosta- 
tischer Erscheinungen, das Modell eines Luftschiffes, 

') Nju'h J.W. Baicr jDc praostantiu i)hil(>soj)liiut! Altorfinae, 
(1709) 7. Si it«>, ahjrwlnickt lu i Ajiin. Vitae |>r<ife8s. phil. (Eiiiloitung)J 
hatte Krh. \S oi<rcI, Ptof. d. Math. z. Jena (1625—1699), schon vor 
Sturm in deii \'orl('suri;j;('n Instrumente vorgeführt, aber nur „mathe- 
matica et technica curioea", also wahrscheuiUeh Modelle der eüifachen 
Maschinen. (Vgl, J. Chr. 8turm, Collcji;. experimentale 1676, 
auctaria 106). 

Eb gelang mir nicht festzustellen, ob in anderen lündern 
schon früher Experimentalphysik an den Hochsehnlen gelehrt 
wurde. Sturm weist selbst darauf hin (ibid., programma invita* 
torium) daß „in lUustri Societate Anglioana seu Berutatorum Naturae 
Regio C>oncilio, in Academia Parisiensi, Oollegüs Eniditorum variis, 
Florentiae, Romae, Yenctiis alibique frequeuttui solitis** die Experi- 
mentalphysik gepflegt worden sei. Von Herrn Assistent Sccretary 
R. S. Hob. Harrison erhielt ich auf eine Anfrage die frcundlidie 
Auskunft, an der „Royal Society" (vermutlich identisch mit der 
oben envähnten Societas Anglicana) hätten bereits seit der in der 
Mitte dca 17. Jahrhunderts erfolgten GrihMlung „expertmental de- 
monstrations and lecturcs" stattgefunden. Es ist wohl kaum an- 
zunehmen, daß in einer der aufg<»sählten Gesellschaften oder Kollegien 
auch Vorträge vor Schülern gehalten worden sind. 

Herrn Professor Favaro (Padua) verdanke ich die Mitteilung, 
(jkJilci habe in seinen Vorlesungen (vgl. S. 72,t) schon einzelne Var- 
sttche angestellt, aber erst 17;^ sei durch einen Beschluß der 
Republik Venedi«; Experimentalphysik an der Universität zu Patlwa 
eingeführt worden. 

Herr Professor ('lilton (Oxford) liatle die (liile mir mitzu- 
teilen, dall in Oxford 1740 der Lt hrstnhl für .,experinientul philo- 
K»piiy' errielitet worden sei. iSiehc Xaelurag 8. 171). 



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die einfachen Mascliinen (Hebel, Keil, Wellrad, Schraube, 
Flaschenzug und schiefe Ebene), auch das Pendel. 
Im Laufe der Zeiten kam natürlich fortwährend Neues 

hinzu, wie Schalllrichter, Pendeluhren, Magnete etc. 
Die Experimente dienten zwar zur Erklärung und 
Ableitung der Naturgesetze, folgten aber ziemlich plan- 
los auf einander und entsprangen nur allzuoft der für 
jene Zeit charakteristischen naiven Freude an dem 
Merkwüi(]i^»en und Absomlrrlichon. Das Kolleg w urde 
aufaoglich nicht alljährHch gcle-sen, sundera nur dann, 
wenn sich eine genügende Zahl von Teilnehmern fand. Die 
Hauptvorlesungen Sturms erstreckten sich immer noch 
auf die Elrläuterung von aristotelischen Schriften, aller- 
dings mit Erklärungen nach den inn(hM nen Ansichten. 
Später liefaMeu sie sich mit der Besprechung seiner 
eigenen oben erwähnten Werke. Auch in den öffent- 
lichen Vorlesungen über Mathematik scheint Sturm 
zur Veranschaulichung der Optik Apparate vorgeführt 
zu hahen. 

Professor Heinrich Müller (1671—1731) hrachte 
einigermaßen Ordnung und System unter die alimäh- 
lich auf eine große Zahl angewachsenen Experimente, 
indem er dieselben nach den Gesichtspunkten: Luft, 
W asser, Feuer und Erde zusammenstelhe. Nach seiner 
Ansicht müssen Schulversuche möghchst einfach und 
allgemeiner Natur sein, wenn sie ihren Zweck erfüllen 
sollen; schon deshalb ist eine gewisse Auswahl not- 
wendig. Man merkt den Fortschritt der Experimental- 
vorlesung. Einige Dezennien vorher wurde sie noch 
coUegium experimentale sive curiosum genannt, jetzt 
heifit sie nur mehr coUegium experimentale; unter 
Sturm spielte das coUegium experimentale noch eine 
untergeordnete Rolle, jetzt tritt es dem coUegium 



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— 31 — 



physicuin gleichberechtigt zur Seite. Collegium physi- 
cum, collegium physicae dogmaticae oder theoreticae, 
so nannte man nunmehr das EoUeg, in dem nicht ex- 
perimentiert wurde. Man konnte ja letztere Vorlesung 

nicht entbehren, da damals die Mittel fehlten, um alle 
Vei'suche, die man wohl beschreiben konnte, den Hörern 
auch vorzuführen. Während also die ^theoretische*^ 
oder „dogmatische** Physik in lückenlosem Aufbau vor- 
getragen wurde, konnte sich die Experimentalphysik 
nur auf einzelne ausgewählte Kapitel bozichen. Z. B. 
wei'den im Jahre 1746 zum erstenmal „elektrische Ver- 
suche** angekündigt. Diese beiden physikalischen Vor- 
lesungen finden entweder zu gleicher Zeit nebeneinander 
oder abwechselnd nacheinander statt. Bald wird auch 
dogmatische Physik mit Experimenten voigetragen und 
in dieser Form scheint die Vorlesung dem Experimental- 
kolleg unserer Tage ziemlich nahe zu kommen. Das 
Ende des 18. Jahrhunderts an der Universität Erlangen 
gebräuchliche Buch von Erxleben das auch in Alt- 
dorf nicht unbekannt gewesen sem dürlle, enthält die 
Meclianik der starren und flüssigen Körper, Optik, 
Wärmlehre, Elektrizität und Magnetismus, allerdings 
auch eine Erd- und Himmelsbeschreibung. 

Eine detaillierte Schilderung des ganzen Mathe- 
matik unterrichte« w ürde über den Rahmen dieser 
Arbeit hinausgehen. Es sei deshalb nur soviel hierüber 
mitgeteilt, als die Statuten über die einzelnen mathe- 
matischen Disziplinen aussagen. Mit den Anfangsgrün- 
den der Arithmetik und Astronomie w'urde seit Errich- 
tung der Akademie bereits in den beiden oberen Gyra- 



*) AnlangagräiMie der Naturldire v. .T. Chr. Polycarp. Elx- 
leben, Gottiiiiren 1791. 



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— 32 ~ 

nasialklassen begonnen^). An der Hochschule wurde 
gelehrt: Arithmetik und Algebra nach Gemma Frisius 
und Euklid; Geometrie (Planimetrie und Stereometrie) 

nach Euklid; Astronomie (mathematische Geographie 
und Trigoiioiiititrie) iiacli Euklid. Autolycus, Aristarch, 
Ftoleniäus, Thoodosius, Menelau.s und Sacrobosco; 
Optik und Katoptrik nach Euklid und Geographie nach 
Glareanus'). Musik, das vierte Stück des alther- 
gebrachten Quadriviunis, wird nicht mehr als ein den 
niatheniatischen Dis/.ipliiien gleichwertiger Lchrgcgen- 
staud erachtet. Zwar Abdias Treu (vgl. S. 2p) nahm 

^) Vonlein wurden in den (ivmiuisialklassen keine tnnthe- 
niatisehen Füclicr gelehrt, eondern nur in dem angegliederten Hoeh- 
schuikurs. 

Stundenpläne sind entliaUen in: Introductio novae schohu* 
Altdorfinae {IblQ) und Beetorotus J. Th. Freigio dcmandatus, 
Norinibcr^'. Iö77. 

Xarli Errichtung der Akademie tritt Mathematik unter den 
Lehrfächern am Gymnasium auf, aber der Unterricht war an- 
eeheÜH»id sehr ungeregelt und wimle nicht immer dureli einen 
eigenen Lehrer vom Fach ausgeübt. Der Ordo sive brevis de- 
scriptio praelectionwm v. 1589 sagt: In der 2. Khisse werden die 
Elemente der Arithmetik, in der 1. Klasse die der Sphärik „extra 
oidinem" vorgetragen und es „beliebt" ihm die Namen der Ite- 
treffenden Lehrer zu verschweigen. Nach Zeltner (Vitae theolog. 
Altdorf S. 91) gehörte der Mathematikunterricht im (lymnasium 
zur Funktion des pxo£es8or thcologus et eatecheticus. 

») Gemma Frisius (1508—1555), Prof. d, Math. ii. Med. in 
Löwen, schrieb Arithmcticae practieae methodus fadlis (1548 u. 
1571.) — Joh. de Sacrobosco (auch Sacrobusto, Saerobuschus, John 
of Holyvvoad, t 1236) ist wahischdnlich in Halifax geboren. Er 
lehrte zu Oxford und Paris. Sehl Werk De sphaera ist ebi 
Auszug aus dem Alraagest und dnigen arabischen Astronoroiai. — 
(toeanus, (eigentUch Henricus Loriti, 1488—1563) war Professor 
der Poesie in Frcibnrg i. Br. Er verfaßte 153H dn Buch De 
geographia. 



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- S3 



llieoretische Miksik als «Harnioiiik" in sein Dinu to- 
. rium mathematicum auf, aber nach seinem Tod wird 
dieses Fach in den mathematischen Vorlesungen nicht 
wieder gelehrt. Die Altdorfer Hochschule hatte ja seit 
ihrer Gründung einen eigenen professor musicus, der 
an die Stutlierendcn Unterricht in Vokal- und In* 
strumentalinusik erteilte. 

Die hohe Bedeutung, die der Astronomie zu- 
geschrieben wurde, läßt sich aus der Menge der in 
den Statuten genannten astronomischen Schnften er* 
sehen. Es ist daher be^reitlich, daß dieses L{?lul"ach 
als ^höhere Mathematik** einen eigeuen Professor zu 
beschäftigen vermochte. Der Astronomie dienen alle 
übrigen mathematischen Disziplinen; das ist in dem 
letzten Absatz der Vorschriften deutlich ausgesprochen. 
Jeder (i('l)ildete soll das Kalondorwesen verstehen, soll 
mit astronomischen Tafeln uingehen uud Finsternisse 
berechnen können, um die Nutzanwendung für das all- 
tagliche Leben zu machen. Bei der geringen Verbreitung 
der Räderuhren und der Mangelhaftigkeit der vorhan- 
denen, \vcnig!stens anfangs, ist tiiie ijenaue Kenntnis 
des gestirnten Fii'niamentes bei Nacht zur (Jrit?atierung 
und Bestimmung der Zeit gewifi eine unbedingte Not- 
wendigkeit gewesen. Für die Theologen insonder- 
heit aber war es wohl erforderlich die Tage der kirch- 
lichen Feste seihst richtig angehen zu krmnon. Die 
allgemeinsten lielraclitunyoii ans der 1 liiiinitiiskunde 
gehörten auch in das Gebiet der Physik (arist.) und 
wurden dort ziemlich eingehend behandelt. Im Mathe- 
matikunterricht kamen jedoch noch astronomische Be- 
rechnungen hijizu, außerdem Übungen im beobachten. 
Die eifrige Päege, die die Astronomie in Altdorf fand, 
war die Veranlassung, dai eine Sternwarte gebaut 

Kle«, Inaaj(.-DiE«t!rt. 3 



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— 34 — 



wurde, ein luhtitut. das damals nicht Universitäten 
besaßen. Von der Sternwarte soll weiter uuteu nälieres 
mitgeteilt werden. 

Bf^sonderes Interesse bietet der A])satz V der 
älteren wie der neueren Verordnung. Denn darnach 
ist es dem Mathematiker anheimgegeben, ob er für 
die Planetentheorie die Erklärungsweise dos Ptolemäus 
oder des Kopernikus zugrunde legen will. 

Als ein weiteres mathematisches Facli begegnet uns 
die Optik, die wegen ihrer mathematischen Behand- 
lung früher mehr in das Gebiet der Mathematik ein- 
schlug, während ihre physikalische Seite wenig ge- 
fördert war. Der Inhalt der Euklidischen Optik ist 
der folgende. Kuklid geht von acht Sätzen aus, nänüich 
' daß die Sehstralilen gerade Linien seien, die von einander 
gewisse Entfernungen haben, daß ferner die von den 
Lichtstrahlen eingeschlossene Figur ein Kegel sei, dessen 
Spitze im Auge, dessen Basis auf der Umgrenzung 
der siciitl>aren Gegenstände liege, ferner, daß nur die- 
jenigen Gegenstände sichtbar seien, die in der gerad- 
linigen Bahn des Strahles liegen, daß unter größerem 
Winkel gesehene Gegenstände größer erscheinen als 
unter kleinerem Winkel gesehene. Aus diesen Grnnd- 
erfahrungen leitet Euklid Ol Theoreme ab, welche sich 
vorzüglich auf die scheinbare Größe, Gestalt, Bewegung 
u. s. f. der Gegenstände beziehen. 

Katoptrik ist in den Voi-schriften nicht genannt, 
wurde aber ganz gewiß als zur Optik gehörig vor- 
getragen. In den Euklidausgaben ^) jener Zeit wenigstens 
sind Optik und Katoptrik vereinigt. In seiner Katoptrik 

^) z. B. Ausgabe v. Cunradus Daejpodius, Argentinae 1571. 



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— 35 -- 



geht Euklid ^) von .sieben Erfahruiigssätzen aus, 
von denen der erste und zweite sich wieder auf 
die geradlinige Fortpflanzung des Lichtes bezieht, der 
dritt« bis zum sechsten auf die Reflexion, der siebente^ 
gar nicht liierlier gehörige und vielleicht aus Archi- 
medes Optik stammende (vgl. S. 122,2) auf die Hcfraktiou, 
Auf die ersten sechs Erfahrungstatsachen werden 
31 Theoreme gegründet, welche sich vor allem auf das 
Verhältnis zwischen optischem Spiegelbild und Gegen- 
stand, aui Entstehung, Grütte und Lage der Bilder be- 
ziehet). 

Die Optik des Ptolemäus war zwar Ende des 
16. Jahrhunderts in Altdorf bekannt, ob sie aber vor- 
getragen wurde, läüt sich nicht feststellen (vgl. S. Gn). 
Ein deutliches Bild von dem Umfang der damaligen 
Optik gibt uns das Directorium mathematicum (1657) 
von Treu. Dasselbe befaßt sich mit der Reflexion 
(nach Ehiklid), dem Entstehen der Bilder bei Plan- 
und Konkav.sj)iegeln, der Brechung (nach Ptolemäus) 
an der Trennungsfläche zweiei* Medien, besonders bei 
Linsen; es beschreibt das holländische Fernrohr und 
dieCamem obscura, schließlich erstreckt es sich auch 
auf die ziemlich ausgedehnte Lehre der Perspektive. 
Treu führt zwar Kcplci- unfcr seinen Autmeii an, 
bringt aber wcdei- seini'n \ (usuch iiher tlie Brechung 
noch die von ilun kerrülirende Besclueibung des Auges. 
Eine bedeutende Erweiterung und wissenschaftliche 
Vertiefung erfuhr das feebiet der Optik seit der Lehr- 
tätigkeit von Sturm und Müller; aber eist der letztere 



') Nach den neueren Untersuchungen ist die „Katophik^' 
nicht 70n Euklid verfaßt Siehe Heiberg, Studien über Euklid (1882), 
S. 148 u. 152. 



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36 - 

könnt (1721) die berühniten Experimente von Newton 
über die Zusaiumensetzung des Lichtes und das 
Brechung8gesetz vou Snellius. 

Mechanik wird in den Statuten nicht eigens er. 
wfthnt. In den uns erhaltenen Vorlesungsverzeichnissen 
findet sieh diese Disziplin zum erstenmal lü4H von 
Treu angezeigt. Dei-selbe behandelt die Bewegung 
noch nach Aristoteles, die archimedische Gleichgewichts- 
und Schwerpunktslehre, ferner die fünf Potenzen des 
Pappus: Hebel (Wage). Rolle (Flaschenzug), Wellrad, 
Keil und Sehiaube, indem er die vier letzten a\it den 
Hebel zurück tütu-t. Auch die schiefe Ebene wird be- 
sprochen. Wie zur Erläuterung der optischen Er- 
scheinungen, so führte auch in der Mechanik Sturm 
Experimente ein. Er demonstrierte an einem Apparat 
das Krätteparallelogramm und eikUirte die Wirkung 
der einfachen Maschinen mittels der Kräftezerlegung 
in Komponenten. Er legte überhaupt seinen Dar- 
stellungen . eine streng mathematische Form zugrunde, 
während in dem Lehrbuch von Treu manches noch 
ziendich unklar, sogar fehlerhaft dargelegt ist. Die 
Fallgesetze kennt Sturm nicht, ebensowenig die von 
Galilei entdeckten Pendelgesetze, obwohl er seinen 
Hörern das Pendel vorführte. 

Optik und Mechanik, die ja gerade im 18. Jahr- 
hundert so groüe Fortschi'itte zu verzeichnen hatten, 
wurden zwar beschreibend in der Physik behandelt, 
blieben jedoch Gegenstand der Mathematik und wurden 
in Vorlesungen über „mathematische Physik" oder 
,.angewandte Mathematik'' vorgetragen, die sich um 
1780 auf die Gebiete Statik, Hydrostiitik, Aeronietrie, 
Mechanik, Hydraulik, Optik, Dioptrik, Katoptrik, Aku- 
stik sowie auf Astronomie erstreckten. 



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— 37 ^ 

Kinrirhtungeii. die unserem jetzigen physikaiisclien 
Praktik um entsprechen, gab es naturgemäß in Altdori 
noch niclit. Allein solange das Experimentalkolleg 
wie unter Sturm durchaus privaten Charakter trug und 
sogar, wenn es die Versuche erforderten, im l'ieien 
stattfand, waren die Hörer dem Professor meistens 
beim Experimentieren behilflich und konnten, wie aus 
den Angaben von Sturm selbst hervorgeht, fast alle 
V^rso^he selbst wiederholen. Außerdem wurden geo- 
dätische, astronomische, später selbst meteorologische 
Übungen abgehalten, in denen die TeiUiehmer Gelegen- 
heit hatten mit einer Reihe von Meßinstrumenten sich 
verti'aut zu machen. Der letzte Professor für Physik, 
J. Leonh. Späth, der selbst ein geschickter Mechaniker 
war, besaß eine eigene Werkstatt und gab den 
Studierenden Anleitung physikalische Apparate zu ver- 
fertigen. Die Beteiligung hieran wird man sich jedoch 
nicht allzu stark vorstellen dürfen, wenn man be- 
denkt, daß gegen Ende des 18. Jahrhunderts die ge- 
samte Frcciuenz der Univeisität bis auf die Zahl ÜU 
herabsank 

Die Einübung dos im Unterricht behandelten Lehr- 
stoffes war Aufgabe der Disputationen. Diese zer- 
fielen in „publicae" und „privatae" oder „circulares" 

und unterschieden sich venu iiiaiui( i nur in dem (Jrad 
der Feierlichkeit, Der Hespondent vei teidigte da- 
bei unter dem Vorsitze des von ihm selbst gewählten 
Präses eine Anzahl von Thesen. Kam er oder die 
offiziell aufgestellten Opponenten nicht zurecht, so gab 
ihnen der Präses Anleitung, die Verwicklung dmxh 

Siehe Oedicke, Per UnivenitatB-Bereiser, Archiv f. Knltur- 
gesck., ed. V. Steinhausen, 1. Er^nzungaheft, I905j S. 67. ITm 1781 
waten es noch 120 Hörer (ibid.). 



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- 38 — 

logisifiie Scliliisht; zu losen. Alle Auweseiuieii, Lehrer 
wie Studenten, hatten da» Kecht, sicli zum Worte zu 
melden. Die Disputationsschiiften, die in Altdorf in 
erstaunenswerter Menge erschienen, wurden fast aus- 
sclilieülii Ii von den I^rofessorcn. <1. Ii. den IMiisides 
verfaüt. Sic sind an Üiniang mul Uelialt sehr ver- 
schieden und bestehen aus 5 - 20 Diiickseiten, die 
öfters öber 50 Thesen enthalten. In spateren Zeiten 
gestalten sie sich zu mehr wissenschaftlichen, oft bfe- 
d^ntonden Abhandlungen: ihre Zaid niuniif jeddcli he- 
ötiindiu ab. Die auüere Form dieser Dissei tationen ist 
anfanglich so ziemlich immer dieselbe. Als Anleitung 
geht eine vom Respondenten an Freunde, Gönner oder 
Honoratioren gerichtete Widmung voraus; am Ende 
werden in kurzen Sätzen mehrere „l^arergH** oder 
„Corollaria'' beigefügt. Meistenteils sclilieüt das Ganze 
mit Lobgedichten von Freunden oder dem Präses an 
den Respondenten. Der Stoff ist grÖJ&tenteils'dem Ari- 
stoteles entnonnnen. Man disputiert de loco, de motu, 
de eoelo, de ventis etc. Auch die Bibel iielert physi- 
kalische (arist.) Themata, z. B. De odore vestium Esavi. 
Erst seit dem Ausgang des 17. »Jahrhunderts trifft man 
Themata wie: De loco imaginum a speculis repraesen- 
tatum de hydrometro, de aeolipila, de tuba stentorea, 
de Jaciiniis seu guttis vitreis etc. Nicht nur von den 
berufsmäßigen „Physici" sondern von den Professoren 
aller Fakultäten werden Thesen aus dem Gebiet der 
Physik (arist.) aufgestellt und unter ihrem Vorsitz erörtert. 
In den Disputationsschriften aus älterer Zeit sucht man 
vergeblicli nach den Namen der Männer, welche die 
Physik (arist.) in andere Bahnen leiteten. Wirkliche 
Streitschriften zur Bekämpfung der neuen wissenschaft- 
lichen Ideen sind nicht vorhanden» auch von theolo* 



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— 3i) — 

gisrlior Seite nicht. Selbst eine Dissertation De ini- 
mol>ilit;ite terrae ist sehr saclilich gehalten'). J^eider 
sind uns keine Aufzeichnungen über den Verlauf solcher 
Disputationen erhalten geblieben. 

Prüfungen an der Universität gab es nur anläß- 
lich der Promotionen. In der hierzu gebildeten 
Prüfungskonimission betami sieii ätets der Mathema- 
tiker. Der Baccalare, dessen JBjLamen etwa dem unserer 
Abiturienten entsprochen haben mag, muBte sich, abge- 
sehen von den übrigen löchern, in den Anfangsgründen 
der Arithmetik und Mathematik beschlagen zeigen, 
die Magister — diese Würde war nach dem Baccaiareat 
der nächst höhere von der philosophischen Fakultät 
verliehene Grad — jedoch in der gesamten Mathematik 
und Physik (arist.). Die letzteren hatten eine selbst* 
ständige Abhandlung zu hefern und drei Stunden lang 
ohne Präses zu verteidigen. Das Thema war beliebig 
und konnte somit auch ein physikalisches (arist.) sein^). 

. Die Prüfung der Doktoren, d. h. der Promovenden 
der Medizin, Jurisprudenz und Theologie erstreckte 
sich niclit mehr auf Physik (arist. j oder Pliiloso[)liie, son- 
dern nur auf die Disziplinen der betreifenden Fakultät. 

Die bei den Vorlesungen benutzten A)) parate 
waren zum grüßten Teil Pnvateigentum der Professoren. 
Einige Instrumente gehörten der Universität selbst 

Mit dem Inhalt der oben erwähnten Disfiertationen werden 
wir uns später zu beschäftigen haben. 

*) Über Promotionen und die dabei stattfindenden Feierlich- 
keiten siehe: 1. WiU, Gesch. d. Univ. Altdorf, S. 108. 2. Baier, 
Gesch. d. Univ. Altdorf, S. 82. 3. Amocnitates Altdoriinae, Eui- 
leitimg u. Tab. 9 u. 11. 4. Sol^mitas et actus renimiationis et 
prorootionis, Xorimb. 1581. 5. Actus pubUeationis privelegioruni, 
AlUlorf 1624. 6. A. U. A. 1 u. 2, 7. A. U. A. 11, ö. 314. 



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r. 



- 40 



und wurden anftmgs in der Bibliothek aufbewahrt. 
Wir Wüllen letztere an dieser Stelle kurz besprechen: 
Ein „niatheinatischer ]5echer" (scyphus niathenia- 
ticus), der von Christian Heyden^) \')b2 verfertigt (Umu 
Kurator Hieron. Baumgartner dediziert war und später 
als Geschenk in den Besitz der Hochschule kam'^). Jetzt 



befindet er sich im (germanischen Museum zu Nürn- 
berg"'). Der Apparat (vgl. Fig. 1) ist ganz aus Messing. 
Auf den ca. 11 cm hohen, eigentlichen Hecher (W. 
I. 29), wird der auf der Fig. 2 rechts daneben beHnd- 

V) C'hristiam Heyden ( neiden. \j'2(\ — I.jTO) war Professor der 
Mathenijitik am Ajridirn^yninasinm (altts (lyninasium) in Nürnl)er^. 

-) .1. .tac. Leil)nit/., Indutae ItihliotluMjic Norinihcrjrmsis 
memoraliilia, HM'A, S. 2'.\. 

') Im Fol^ienden \\\n\ die Siirnalur eines itn ({ermanischen 
Museum jmflM'walirleii Apparates Siefs in runden Klammern Iwi- 
jjefügt werden: ,,W. T." mit der betreffenden Nnmnu'r. 

Dem Ma^islrat <ler Stadt Xiirnl»er«r, welcher mir (>rhiul)te. 
mehrere th'r Stadt j;eh(iri^e, im < Jermanisehen Museum aufbewahrte 
Api)arate zu photoirrajjhieren, sowie Herrn l\. Pausehmami, der mir 
verschiedene Zeichnun^ren lieferte, nnWlite ich hier meinen Dank 
aussprechen. 




Fig. 1. Nach einer Originalphotographic. 



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— 41 — 



liehe Deckel (W. I. 19) von vii. 20 cm Diircliuicsser 
gelegt und darauf kann der ca. 12 cni hohe Zylinder 
(W. I. ciö) gesetzt werden. Jedes dieser drei Stücke 
ist ein selbständiges Instrument. 

Der Becher, ilessen Höhlung genau eine Halb- 
kugel ist, stellt eine Sonnenuhr dar^). Der Zeiger, die 
Weltachse, reicht bis in die Mitte der Ebene des 
Kecherrandes; dieser Kand ist der Horizont, (ent- 
sprechend der Polhöhe von Nürnberg. Die Spitze des 
Zeigers durchläuft täglich einen zum Äquator parallelen 
Kreis, an welchem die Stundenziffern angebracht sind. 
Da wegen der variierenden Schattenlänge des Zeigers 
stets ein anderer Parallelkreis durchlaufen wird, so 
kann man auch Mondphasen etc. ablesen. Um diese 
tragbare Sonnenuhr nach Norden orientieren zu köimen, 



ist in den Boden des Bechers ein mit (rlas überdeckter 
Kompaß eingelassen^) (vgl. Fig. 3). Die Ki<'litung des 

') VjUw Sonnomihr in einer Il:ili»ku<rel, bei den (irieclien und 
Kömern unter deuj Namen Heli(itroi)(ium) oder Skaplie Uekannt, 
besali bereits der ebaldäische Astronom Berosus um VAO v. Chr. 
Der durch das obere verilickte Knd<' des senkrec'hten Zeigers mar- 
kierte Kn^ebnittclpuiikt, zeijj^te dureli «lie Lajre seines Sdiattens die 
Zeit an. Siehe H. Liisehner, l'ber Sonnemdnvn, S. 27. . 

-) Horizontale Sonnenuhren, die <birch Zuti'ijrung einer INIa^rnet- 




Fig. 2. Nach einer Originalphotographie. 



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42 — 



astiuiiüiiii.scluni Meridians ist durcli Angabe der Dekli- 




Fig. 3 Nach einer Originalphotographie. 



nation von ca. 11^ bezeichnet. Die Nadel ist jetet noch 
magnetisch Die südliche Kompaßhälfte ist vom mag- 
netischen Meridian aus nach Osten nnd AVesten in 
90 Grade eingeteilt; dabei befindet sich die Inschrift: 
Gradus longitudinum. Auf der nördlichen Hälfte sind 

iijulcl li;ii:l);n u<-ma( lit wunieii waren, luuuitc iii.iii ..Soniienkompassc" 
oder auch ItloO .,Kompaf!!*<^*'. Solche „Sonnen k<)m|»a8se" wurden 
im 1j. JührlnMidcit in »jo iiicCpcr Anzahl in \iiruhcr«r horircslclli, 
(laß e> dort eiiu* bcMHideru ZuiiJi <ler KoMiioiliinMchor t^uh, deren 
Erzeu.i£nis«e weil verbreitet waren. Der crs^ie ,,Sünneiikonvpa(i** 
stammt an^ dem .fahre 1401. Siehe E. (JeHand, Der Kompaß b. 
d. Arabern u. ini christl. Mittelalter, Mitt. z. .Gesell, d. Med. u. d. 
^'at. lüut), Bd. VI. S. 17. 

') Bei der jjh()lo^rai)hischen Aufnahme mußte iler lk< her uni- 
jrelejrt (vj;l. Fi^. 2), also die KompatJebenr vertikiü ^estelJl werden. 
Die Xadel in Fijx. '6 befindet sich deshalb nicht im magueti- 
schen Meridian. 



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— 4Ü — 

Kreisbogen oingeritzt, die alle ihrea Mitteipunkt auf 
dem magnetischen Meiidian haben und Ȋmtlich durch 
das Zentrum des Kompasses gehen. Der kleinste Bogen, 
ein vollstiirHliger Kreis, beröhrt die Kompaüpcripherie, 
die übrigeil Üogen schneiden dieselbe, da ihr Radius 
stets zunimmt. An diese Schnittpunkte, die annähernd 
um gleiche Bogengrade voneinander entfernt sind, sind 
ZifFeni geschrieben, derartig, daß im magnetischen 
Meridian 12 steht, Ostlich davon 11 etc. bis (), west- 
iicli davon 1 etc. bis (>. Dabei )>elindet sich die In- 
schrift: Declinatio magnetis. Die Reihenfolge der 
Ziffern erinnert an die Stundenziffem einer Uhr^). 
Diese müßten jedoch, falls sie für eine Sonnenuhr in 
Hctraclit konimcn solluu. in umgekehrter Reihe an- 
geordnet sein. Auücrdcin wäre der Bodeii des Bechers, 
in dem der Kompaß befestigt ist, für eine Horizontal- 
uhr der denkbar ungünstigste Platz, da sie hier nur 
kurze Zeit von der Sonne beschienen wird. 

Wahrscheiidich ghiubte Heyden, der daitialigcn 
Zeit entsprechend, daß ein gewisser Znsammenhang 
zwischen der Deklmation imd der geographischen Länge 
bestehe und dai man die eine Größe aus der andern 
bestimmen könne. 

*) Atb. Kiidier (De arte magnetica, Rom 1654, B. 2001) 
echreibt, in Deutschland habe man Kompasse gehabt, die zugldeh 
Soonennhren irarcn. In Wirkliohkeit werden hierunter die ,,8onnen- 
kompasse" gemeint sein. Da er jedoch noch kein derartiges Instru« 
ment geaehen und sie nur vom Hörensagen kennen gelernt hat, so 
stellt er sich dasselbe also vor: Auf dem Hütchen der Magnetnadel 
wird dne kleine Spitze als Zeiger und m beiden Seiten der den 
Meridian dai>»tellendeu Nadel unter Berücksichtigung der Deklination 
die Stundenziffern einer Horizontaluhr angebracht Eine derartige 
Sonnenuhr kann jedoch aus den oben angogelicnen Gründen der 
Hcydensche Kompaß nicht darstellen. 



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_ 44 — 



Es ist mir nicht gelungen, oinc genauere Erklärung 
dieser Zeichen zu •^eben. 

Unter den vielen Kompassen, die iin Germauischen 
Museum aufgestellt sind, ist kein weiterer dem oben 
beschriebenen ähnlicher vorhanden. 

Der Deckel des Bechers ist ein Astrolabium oder 
Planispliaerium^). Dieses vun Hipj)ai( li (um 150 v. Chr.) 
erfundene Instrument beruht darauf, daß die Hinunels- 
kugel für eine bestimmte Polhöhe auf eine dui-ch ihren 
Mittelpunkt gelegte Ebene stereographisch projiziert 
ist. Vorder- und RQckseite dienen zu Mefiz wecken. Das 
Astrolal»iiiiH war ein sehr bdicfiios Instrument, da es 
einen außerordenthch niannigfaltigea Gebrauch ge- 
stattete. Man hängt dasselbe an dem Henkel auf, be- 
stimmt mit dem um den Mittelpunkt der Kreisteilung 
drehbaren Diopterlineal z. B. die Höhe der Sonne, 
best für diesen Tag die Länge und Breite der 
Sonne ab und erhält daraus unmittelbar die Sonnen- 
Keit der Beobachtung. Auf eine nähere Beschreibung 
des Astrolabiums kann hier nicht eingegangen werden ; 
R. Wolf berichtet in seiner Geschichte der Astronomie 
hierüber selir aiLsführlich. 

Der auf den Deckel des Hecliers aufsetzbare 
Messingzylinder — genauer ein abgestumpfter Kegel — 



^\ I »if'Hc-; Asirnhibiuni. mit seiiu'in t'i<c('nfli('lu'H \amrn ,.Asn(>- 
liihiiiiti )>l;iiii>[)lmonunv'. il:u'f nicht venvechsch wciiltti mit dein 
(lii nliills von Ilippiirch eirundoiuM» Astrolabium, weiches wie eine 
ArmiUarsphäre ein Kiijrclskelett aus den hinnuHsclien FiuKhunental- 
k reisen Man verstand jedoch im Mittehilter ujiter Astrohihiuni 

stets (his rianis[>liaeriiim. Scldießhcl» nannte man auch Astrohilnuin 
einen einfaelien senkritht aufhängimrcti T> i! kreis mit hewejrlicheni 
I >io))t( Hincai tür Winkolnieftjiungen. Siehe K. Wolf, Gesch. d. Astx,, 
ö. 162 f. 



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— 45 — 



ist eifie Soimenuln . Der Zeiger kann beliebig iii einer 
Yeilikalebene gedi'eht werden. 

Für den Physiker ist daran hauptsächlicli von 
Tnteresse, das in dem Zylindermantel eingeschlossene, 
ol)eii durch ein Glas bedeckie Pendel. Dasselbe ist 
ein dünner, bis zu dem Deckglas reichender Draht, 
dessen oberes £nde auf eine Marke des Deckglases 
einspielen muß, wenn die Sonnenuhr vertikal stehen 
soll. Man kann nicht sehen, wie das Pendel aufgehängt 
oder unterstützt wird, aber da es stets in seiner verti- 
kalen Lage bleibt, wie man auch den Zylinder neigen 
mag, so wird es vermutlich auf dem gleichen Prinzip 
beruhen, wie das Pendel, das Praetorius zur Horizon- 
tierung einer Sonnenuhr verwendet hat (vgl. S. 85). 
Dort ist ein Diaht mit seinem unteren Ende an die 
Außenfläche eines schweren, innen ausgehöhlten Metall- 
stückes von ungefähr parabolischem Längsschnitt an- 
gelötet. Das Metallstück ist mit seiner Innenfläche 
auf eine feste, senkrecht stehende Spitze gesteckt, so 
daß der Schwer])uiikl des ganzen Pendels unterhalb 
des ünterstützungspunktes sich befindet. 

Das wertvollste Stück der Bibliothek bestand in 
einer Armillarsphare (W. L 122), welche das koper- 
nikanische System darstellte'). Dieselbe war nach den 

1) Planetarien, die natürlich das ptdemaiscbe System dar- 
stellten, waren läni^st bekannt. Bereits Archimedea soll einen der- 
artigen Apparat konstruiert haben. Siehe E. Wiedemann, Beitrage 
z. Gesch. d. Naturwissensch., Sitsungsber. der phy8.>Tned. Soc. in 
Erlangen, Bd. 37, 1905, S. 409. Ähnliche Planetarien, Himmels- 
globen mit Planeteuuhren, stellte Landgraf Philipp IV. von Hessen- 
Kassel (1532—1592) her (Qerland-TraumüUer, 8.991 und 190). 
Desgldchm der uns schon bekannte Christian Heyden im Jahre 
1570. Vgl. Doppelmayr 8. 75. Ein kopemikanisches Planetarium 
schlug auch Chr. CSasp. Hoppenstedt vor in einer Schrift: Specimen 



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— 46 — 



Angaben ihres Erfinders, des Astronomen G. C. Eimmai t 
(1(>3H- 1705) in Nürnberg von doni dortigen Mecha- 
niker Job. Ludtriiig (f 1688) im Jahre 1680 ausgeführt 
worden, und wurde von zwei Nürnberger Eaufleuten, 
Ingolstetter und Grassel 1690 um den ansehnlichen 
Preis von 300 fl. (nach anderen von 200 Talern), für die 
Univei sjtiit Altdorf angekaui't. Dieser Apparat, der das 
erste IManetarium dieser Art gewesen sein soll, wurde 
von J. Chr. Sturm beschrieben^) und spielte bei den 
Vorlesungen eine große Rolle. Jetzt befindet sich das 
Kunstwerk in leider ziemlich beschädigtem Zustand im 
Germanischeu Museum und es ist nicht mehr möglich, 
dassellx' im Betrieb zu sehen. 

Das Planetarium ist (vgl. Fig. 4) ganz aus Messing; 
es hat eine Höhe von ca. 90 cm und mißt im Diameter 
cA. 60 cm. In dem Holzkasten, auf dem die Armilla 
stellt, befindet sich ein Räderwerk, welches durch eine 
Kurbel mit unendlicher Schraube gedreht ^vird und 
das ganze Planetarium in Bewegung setzt. Im Mittel- 
punkt ruht die Sonne, eine vergoldete HohlkugeP) 
von ca. 5 cm Durchmesser. Sie ist zwar um die verti- 
kale, zur EkliptikilHiie senkrechte Hauptachse des 
ganzen Systemes drehbar, steht jedoch l)oi dem Um- 
laufe der Planeten selbst still. Die Planeten sind 

inatheinaticum de machina planctaria sivc de hypothesi (Jopcmicana, 
Hclinstiidt 1714. Jblin kop. Planetarium wurde auch von (ieorjre 
AdamH in I^ondon um 1720 (Baflflcarmann- Jordan, Tab. XIX) i^^ebaut. 

') J. Chr. Sturm, Bphaerae armiUaris . . . brevis elucidatio, 
Altdorf 1095. 

-) Ihitl. VI. Probl. heißt es: „(Jlobuluin inauratum solis, pro 
ecli|j6ibus demonwirantis, aperire". Offenbar konnte man früher 
diese Hohlkugel öffnen. Jetzt scheint sie durch eine andere' ersetzt 
zu sein. Teh konnte wenigstens keine Vorrichtun{^ entdecken, 
welche dn Öffnen der Hohlkugel crmCf^ichte. 



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sämtlich an Metallringen (niedrigen Zylindern) befestigt 
und umkreisen in ein und derselben Horizontalebene, 
der Ekliptik, die Sonne. Jeder Ring wird durch einen 
zweiten, auf ihm senkrecht stehenden Ring, der durch 
die Hauptachse geht und mit dem Räderwerk in Ver- 
bindung steht, in seiner wagrechten Lage fefstgehalten. 




Fig. 4. Nach einer Oiiginalphotographie. 

An dem durch die Haui)tachse gehenden Ring können 
auch die astronomischen Breiten abgelesen werden. 
Zu diesem Zweck ist ein dritter bew'eglicher Ring vor- 
handen, welcher seine Drehachse in einem Dui-chmesser 
des ersten Ringes hat. Bei der Erde fehlt dieser dritte 



- 48 ^ 

Rin^. l)i(3 große. Anzahl dieser Hin^e erschwert es, 
den Apparat zu überblirken und ein . deutliches ßild 
von demselben herzustellen. Die Achsen, um welche 
jeder der kugelförmigen Planeten gedreht werden 
kann, stehen verschieden schräg zur Ekliptik und 
luui^cMi — mit Aüsiiahiue der Ki<l(' — in einem kleinen 
drehbaren Meridiankreis. Die von der Sonne entfern- 
testen Planeten, Jupiter und Satuiii, sind von einem 
zweiten, zu ihrem Meridiankreis konzentrischen Reif um- 
gehen, so dafi der Planet mitsamt dem Meridiankreis 
um einen zu seiner Achse senkrechten Durchmesser 
des zweiten Reifes gedreht werden kaun. Die Vor- 
richtung gestattet, die Planetenachse in verschiedene 
Lagen zu bringen. 

Jupiter hat vier weitere konzentrische, einzeln be- 
wegbare Hinge, welche die Bahnen der viei* Trabanten 
darstellen. 

Im Gegensatz zu den übrigen Planeten hat die 
Erde bei ihrem Umlauf um die Sonne noch eine Eigen- 
drehung um eine zur Ekliptik senkrechte Achse zu 
machen^;. Dies wird dadurch erreicht; datidie Erdkugel 

') Kopcrnikiis schrieb der Erde eine drcilaehe BewefjuMfi zu. 
1. Eine tä gliche Iknvegunji um ihre Achse in der Kiehtun«; von 
West nach Ost, durch die sich die sclieinbure jremeinschaftliehe 
Boweffun^ aller (i est irne von Ost muh West erjriht. 2. Eine jähr- 
liche Uewe^un^ der Erde um die Soiiue in der Uichtunj; von West 
nach Ost, die uns als jülirUche Bewe^unir der Sonne in derselben 
Richtunji; «erscheint, 'l. Da die geneijrte Erdaclise seirjer ^fcinnn«; 
nach bei ihrer zwcit4.jn liuwq^iin«; einen Kegelmantel um die £kliptik 
beschreibt, aber sieh seihet parallel bleiben muß, wenn man d(>ii 
Wechsel der Jahreszeiten erklären will, so leg^c er der Erde eine 
dritte l^wegung Im», welche die Enlachse in alloo Lagen parallel 
erhält: nämlich eine jiihrliche Bewegung der Erdachse um eine 
Senkrechte zur Ekliptik im entgc^ngcsetzten Sinn. Dadurch, daß 



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— 49 — 

in einem kleinen Kugelskelett der sphärischen Haupt- 
kreise hängt, weiches durch Zahnrad Übersetzung und 
Transmi8sions£aden von einem Zahnrad zur Hauptachse 
(in entgegengesetztem Sinn) zur Rotation gebracht 
wird. Die Erdkugel kann man seihst um ilire eigent- 
liche Ach^e drehen und letztere lät anscheinend um 
die Ekliptikschiefe zu ihrer Bahn geneigt. Bei dem 
Umlauf um die Sonne fahrt die Erde die jDrehung um 
ihre Achse nicht von selber aus. An der Innenseite 
des oben erwähnten Kugelskelettes ist der Mond an 
einem Kreis, der um einen in der Ekliptikebene liegen- 
den Durchmesser drehbar ist, befestigt* Die Gröfie der 
Planeten ist sehr verschieden. Als Einheit der Um- 
laufszeiten ist die des Saturn angenommen. 

Der der Suiiih^ zunächst befindliche Planet ist der 
Merkur (d = 5mm)^); derselbe marht 137 Umläufe. 
Dann folgt Venus (d=7mm) mit üV^t darauf die 
Erde (d= 1 1 mm) mit 30 (entsprechend 1 Jahr) nebst dem 
Mond mit über 370 Umläufen ; ferner Mars (d = 6 mm) 
mit 15, Jupiter (d = 20mm) mit 2^1., und schließlich 
iSaturn (d = 25 mm) mit 1 Umlauf um die Sonne. 

Die sämtlichen Ringe sind umschlossen von der 
eigentlichen Armillarsphäre, nämlich von einem un- 
beweglich festen Gerippe der Fundamentalkreise. 

Für gewöhnlich steht das Planetarium in ciiicm 
Holzgehäusc — dasselbe ist hier nicht mit abgebildet 
^ mit Glasfenstern und die Hauptachse lauft, damit 

er den beiden koniflchen Bewegungen (der zwdten und dritten Be> 
wegung) der Erdachse nicht ganz dieselbe Dauer gab, wurde es 
ihm möglich die Fräzesaion zu erklären. Die Nachfolger des 
Eopemikus gaben bald die dritte Bewe^ng der Erde auf. Siehe 
Wolf, Gesch. d. Astr. S. 228. 
^) d = Durchmesser. 

Klt'o, Inaug.-Disiiert. 4 

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_ 50 — 



sie in ihrer vertikalen Stellung gehalten wird, in einer 
an der Becke de» Gehäuses angebrachten Führung. 

An diesem Apparat lassen sich eine Reihe von 

Erscheinungen demonstrieren, dcMcn Hcsclueibiuig uns 
jedoch zu weit abführen würde. Es sei deshalb auf 
die Abhandlung von J. Chr. Sturm verwiesen. 

Außer einigen Sonnenuhren, einem Erd- und einem 
Hininielsglobus ist noch das in der Bibliotliek befnid- 
liche Original des Wagenseirsclieii Wa«serschildes 
(Wassertreter, hydraspis) zu erwähnen Der Wasser* 
Schild, von dem ich leider weder eine Abbildung noch . 
genaue Beschreibung ermitteln konnte, ist ein innen 
hohler Schwimnigürtel ans Holz und soll von Wagen- 
seil, Pi ofessor der Geschichte und Jurisprudenz von 
1667 bis 1705 zu Altdprf, erfunden worden sein Eine 
Probe für seine Tragkraft führte der Erfinder 1691 



") Siehe A. V, A. 21, Hier tiiiid alle in der Bibliotliek aufbe- 
wiihrti*!! ( Je«renstjiiKlc aufgewühlt. 

*) Joh. (!'hr. Wageiiseil (1633—1705) gibt davon selbst nur eine 
kurze und flüchtige Beschreibung in zwei Schriften: Bc hydiBspide, 
Altdorf 1690. und Wasserschild, wdchm in dem E3irentempel . . . 
auflienket J. C. W., AltdoH 1690. Einen ähnlichen Appamt hatte 
Magnus Fegd (1547—1618?), Professor der Mathematik in Hehn- 
stodt, schon vor 1586 erfunden. Die 6chiift«i dieses Gelehrten 
sind verloren g^angen (vgl. Allg. deutsch. Blogr. [1887], Bd. 25, 
S. Hl 5). 'E&ae kurze, v<ui ihm sdbst herrührende Beschreibung 
• seines Schwimmgürtels ist abgedruckt bei Nentwig, Die Physik an 
der Universität Helmstedt, B. 59. Diese stimmt auffallend üboein 
mit der später von Wageiiseil gelieferten. VermutUdi kannte 
letzterer den Apparat Pegel». 

Über Schwimmgürtd vgl. 6. 143. 

Wagenseü schenkte der Universität auch seine Eiuriositäten- 
Sammlung, die jedoch, sovid ich bisher fand, keine physikalischen 
Ai>j)nmte enthielt. Siehe Murr, S. ri44. 



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dem (leuisclien Kaiser Leopold auf der Donau und 
dem Züricher-See vor. 

Durch die Treusche Schenkung (vgl. S. 5,ä) kamen 
1768 in den Besitz der Universität eine Anzahl physi- 
kalischtr Werke und eiiiiije nicht weiter bezeichnete 
„zur Experiuieiitalphysik gehörige Maschinen" Dazu 
kamen durch das Vermächtnis*) v. J. Traugott Adolph, 
Professor der Mediziii von 1768 bis 1771 zu, Altdoi'f: 
ein Flaschenzug. mehrere Spiegel und optische In- 
st ruiiuute.verschicciciie ,.mikn»;>kopi.sclie Kleinigkeiten", 
ferner eine „Liobeikühnschc MaBchine^') von Messing. 



^) In dncm im Kreisarfhiv zu Xüriiherj: aufl^>wahrten Akt 
(S. II L. 85) Nr. 4, I^ilajre A) heißt es: Für die Konservation und 
Vermehniusr der Naturalien iki Treuschen .Slionkung, besonders 
tiir (las Nacliiiillcn \oi\ ^^piritus solle der Professor der Anatomie, 
fürdic JnstiintlliHltuiiuf und N'ci inclniniir «les Herbariums der B<»tnni(iis 
8ofuo iragen. Wcnii ahn' beide nicht wollten, solle diese An iLMbeti 
der „Physi<-iis" ühernelmu n. Die Zinsen dt's Kapitals von (KXKt tl., 
welehe die Witwe des Chr. Jak. Treu vernuteht hatte, sollten aueh 
zur Anscbaftung ])hjiäikali8cher Werke imd Di.ssertatioueu verwendet 
werden. 

Ibid., Beilaiic ( ' liilU erkennen. da(i von jenen Zinsen keine 
Apparate, soiulern nnr liiieher und Spiritus u.a. angekauft worden sitid. 

2) Siehe Will, (ieseh. d. Tniv. S. 228 f. Die von Adolph jre- 
whenkten Instrumente gehörten der me<l. Fakultät. Fs \<t deshalb 
fraglieh, ob sie aueh in den Vorlesungen über Physik benul/t wurden, 

'} .Toh. Nathanael Lieberkiihn (1711 — 17')t)), Arzt ui l^«rlin, 
gilt aU der Frl'inder (M'M) de« iSonnenmikroskopes, welehes er l>e- 
sehrieben hat in: Deseript. d'mi mieroseop anatomique, P>erl. 171'), 
(Siehe A. Poppe, S. r>:i). Saiuuel Reyher ( H);^)— 1 714) soll j(d.i< !i 
(Iii sen Apparat sehon 1G79 erwähnt babeii. (Öiehe hierülx'r (Jerland- 
Traumüller, S. -71). DaslSonneniuikroskop ist ein Projektions- 
apparat. Dureli ein oder mehrere Konvexlinsen, welehe in einem 
TubuH im Fensterladen angebraeht wenlen, wird das Somieidieht 
auf den zu untcrsuehenden kleinen Körper konzentriert. Eine Pro- 

4^ 



- 52 

Letztere war waluäc heinlich ein Projektionsapparat, 
ein sogenanntes „Sonnenmikroskop'*. 

Im Jahre 1779 erhielt die physikalische Sammlung 
einen grö^ren Zuwachs, indem die Apparate des ver- 

storhenen Professors Adelbuhi er (1702— 1779) von den 
Kuratoren um 200 fl. angekauft wurden^). Dies waren: 
1 . Ein Gregorysches Teleskop mit Helioskop für Sonnen- 
ileckenbeobachtungen und einem Messingstativ*). 2. Ein 

von J. Cuff') in London verfertigtes Sonnenmikroskop, 
dazu ein Kästclien mit iAnsen von verschiedener 
Brennweite, ein unter 45^ geneigtei* Hohlspiegel zur 

jektioiislijise entwirft davon auf einen weißen Schirm ein für viele 
Zuschaner sichtbares, helles, großes Bild. Ein solche» Mikroskop 
mit einem Spiegel, der vom Innern des Gemaches aus verschieden 
geneigt und der Sonne nachgedreht werden Iconnte, befindet sich 
im (jcrm. Museum (W. I. 553). 

') Siehe Kaufprotokoll v. 18. Aug. 1779, Akt (noch nicht 
katalogisiert) auf dem i^yndikat zu Erlangen. 

James Gregory (1638—1675) schlug die Konstruktion eines 
Spiegelteleskopes vor (1661), die jedoch nicht von ihm selbst 
sondern von Hooke (1635—1722) 1B74 auegefährt wurde. Das 
oben im Text erwähnte Tdeskop wird an einer anderen Stella ein 
Newtonacfacs genannt. Newton (1642—1726) verfertigte 1668 ein 
ähnliches Spiegelteleskop. Siehe Poggendorff, Gesch. d. Fhys., 
B. 5701 Helioskop wurde jede Art von Vorrichtungen genannt^ 
mit denen man die Sonne beobachtete, z. B. ein Femrohr mit 
geförbten Gläsern. Yermutlich ist unter obigem Hdioekop d^ von 
Eimmart ans Nürnberg konstruierte Apparat verstanden: Nfimlich 
eine an einem Stativ befestigte, kleine Camera obseura aas "BvppB 
oder Blech, in welche dne oder mehrere linsen eingefugt wurden* 
Von rückwärts konnte das auf einem Schirm aufgefeuigene Sonnen- 
bild beobachtet oder nachgezeichnet werden. I^ehe Astronom. Hand- 
wörterbuch V. J. Leonh. Boet, Nürnberg 1718, S. 359. Siehe 
auch Poggendorff, Gesch. d. Phjs., S. 200 u. 319. 

*) J. Cuff (gegen Anfang u. Mitte d. 18. Jahrh.) ist wahr- 
scheinlich der von Gerland-I^umüIIer S. 339) erwähnte Mecjianiker. 



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^ b 'd - 

Beleuclituiig der zu untersuchenden Objekte, ferner 
ein Etuis mit Gläschen, auf welche zu Beobachtungs* 
zwecken Verschiedene Präparate geleimt waren, und 
schliefilich eine dazugehöriger Zange 3. Ein Sonnen- 
mikroskop aus Papier und Holz. 4. Hohlspiegel, 
konische und zylindrische Spiegel mit dazugehörigen 
Kupferstichen^), ö. Eine Laterna magica nebst be- 
malten Glfisem. 6. Eine Camera obscura. 7. Eine Luft- 
pumpe mit Messingzylinder, Rezipienten und anderem 
Zubehör, h. Eine Windbüchse 9. Mehrere zu hydro- 
statischen Versuchen nötige Apparate aus Blech, ver- 
schiedene Röhren und Gefäße. 10. Ein Heronsbrunnen. 



^) (V)rL S. 51,3). Das Kiistrhiu (W. 1. 216) befindet sich 
im Germanischen Museum. In der !Schul)la(lc desselben ist: Ein Etuis 
mit länglichen, durchbrochenen Beinstückchen, in welche die die 
aufgeleimten Präparate tragenden (»laschen eingelassen sind; ferner 
ein Verzeichnis dieser Präparate. sclilieBüch 6 kleine Trichter aus 
Horn, in deren enge Öffiuuig Linsen bis zu 2 mm Durchmesser 
eingesetzt werden konnten. Auf der Deckfläciie des Kästchens ist 
ein beweglicher Hohlspiegel angebracht und daneben ein senkrechtes 
. ca. 15 cm langes Eisenstäbchen mit Schrniibchen. An letztemn 
A\-urden offenbar die Präparate sowie die Horntrichter als Lupen 
befestigt. Jedenfalls war diese Mikroskopvorricbtung auf dem Käst- 
dien schon 1779 defekt, da sie im Kaufprotokoll nicht erwähnt wird. 

*) Wahlscheinlich venent» Figuren, wie sie schon H^n kannte, 
die in den b^reffenden Spiegehi normal erschienen. 

*) Die Windbüchse, bei der die treibende Kraft die Expansion 
komprimierter Luft ist, soll von Ktesibias (um 150 v. C3ir.) erfunden 
worden sein. Vgl. Poggendorff, Gresch. d.Phy8., 3. 15 u. 16. Nach 
Erfindung der Luftpumpe wurden Windbüchsen gebaut, bei den^ 
sich das Gesdiod in dnem verschlossenen, evakuierten Eohr befand 
und alarjftnn duTch die hlneingdasseiie äussere Luft hinausgetridien 
wurde. Von dieser Art ist wahrscheinlich die oben genannte Wlnd> 
bnchse gewesen. Siehe Gerland-TraumtUler, 8. 205 f. und Poggen- 
dorff, Gesch. d, Phys., 6. 326 u. 480. 



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~ 54 - 



11. Ein Pyioineler 12. Niitürlicho iiiul künstliche 
Magnete. l.->. Modelle für die Meehanilv: Räderwerke, 
Mühle, Zugbrücke iind hängende Brücke, eine Maschine 
' zum Einrammen dsr Pfähle (Hoyer). 14. Modelle von 
Gebäuden und Festungen ^). 15. Astronomische In- 
struiiiente: Astrolabium. Quadranten"') und Globen. 
16. Geräte zum Feldmessen und einfache geodätische 
Instrumente. 17. Stereometrische Körper aus Blech 
und Holz. 

Sämtliche })hysikalisehe Apparate , ebenso das 
riauetariuni wurden später in der neuen geräumigen 
Sternwarte aufgestellt. 

Im Laufe der Zeit scheinen noch mehrere Apparate 
hinzugekommen zu sein Im Katalog des Germanischen 
Museums sind nachl)enannte Stücke als irüheres l>e- 
bitztuni der Universität Altdorf gekennzeicluiet^): 

■\ Vau Aj)parm, mit <loin 1*. v. MusscheuhRKk (1092—1701; 
liohc 1 emperatiiron tuf's-^'n zn koiin« n jrlaubtc (1725), (\ov jtxlcH'h 
als Tlurnioiiicler ungfvignct Avar uiul später zur Hcstiiiinumir der 
Ausdelinunjiskoeffizieiiten von MctaUgtäben Vcnvcndung fuiiiL iSiche 
GerlaiKl-Traumüller, S. .;U If. 

hl dem nmthematisehen Aiulitürium ZU Altdorf befand sich 
ein «iroßes Modell der Ffsluiifi Philippsburg, nach MuiT (fcs. 65(5) ein 
( Jesehenk Adelbiilner«, und andere kleinere Festun^sniodelle. (Sielie 
Will, <iertch. d. l^iiv., S. 1.S4.) VermiiUich sind letztere die oben 
en^'ähiiten, an«:ekauften Modelle. 

^) Ih'v (^uadranl ist ein Viertelkreig und dient« /lun Winkd-" 
messen. Zu diesem Zweck war ein um den Mittelpunkt des Qua- 
drunten bewegliches, mir Visiervorriohtun^ versehenes Lineal an- 
gebraelit. welches auf liiHii bestimmten Punkt (Slern) jrerichtet 
wunle. Meistens vrniden dainit Winkel in horizontalen und verti- 
kalen Ebenen gemesscti; man unterschied deshalb Horizontal- und 
Vertikalquadranten. Vgl, S. 56,«. 

*) Diese Mitteilung verdanke ich Herrn Dr. Stengel, Sekretär 
am Germanischen Museum. 



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55 ^ 

Das Modell eines /iisaiiiiiiin^esetzten Hebels i W. 
I. 215). Zwei verschieden«' Modelle einer scliieteii 
Ebene mit Holzzylinder ah Last, die an einem über 
eine Rolle laufenden Schnürchen befestigt sind (W. L 
216 u. 219). Eine Art Zentrifugalmaschine mit einer 
die verschiedenen SjitktraÜarben tragenden Scheibe, 
die in Rotatioü vernetzt weiß erscheint (VV. 1. 217). 
Ein Kegel aus grünem Glas in Holzfassung (W. 1.972). 
Ein Konvexspiegel (W. I. 969). Ein Quecksilberbaro- 
meter mit Skala^ 87 cm langer Glasröhre und Holz- 
n;n)f< lien von J. B. I-Uiner*) in Nürnberg ans dem 
16. Jahrhundert stammend (W. I. 218). Em Brunnen 
aus Messing oben mit einer Glaskugel als Behälter, 
unten mit verdecktem Auffangbassin. Durch Umstürzen 
des Apparates fließt das Wasser von dem Auffang- 
bassiu wieder in die geleerte Glaskugtl (\V. T. 214). 
Ein ca. 70 cm langes Diopterlineal wahrscheinlich als 
„Hauptregel^ (vgl. S. 94 If.) für einen Meßtisch bestimmt 
(W. I. 251). Ein „ganzes Scheibeninstrument^, d. h. 
ein ganzer Teilkreis, von ca. 45 cm Durchmesser mit 
zwei um VK »'* entfernten festen und einem beweglichen 
Diopter von Franciscus Fiebig*) aus der zweiten Hälfte 
des 17. Jahrhunderts (W, 1. 250). Ein „halbes Scheiben- 
instrument**, ein Halbkreis von ca. 35 cm Durchmesser 
mit einem festen und einem drehbaren Diopter von J. 
G. Ebersberger (vgl. S. 58,/) aus Nürnberg von 1 729(\V. 1. 
252). Die drei letztgenannten geodätischen Instrumente 
sind aus Messing und mit Kompaß versehen; die Visier- 
einrichtung des Diopters besteht aus einem dünnen 
Dralit am einen iilade des Lineals und engem Spalt 
am andern Ende. 



*) Über diese Mäimer habe ich kerne wdtcrcD Angaben gefunden . 



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— 56 — 

Von der Sternwarte soll im Folgenden etwas 
ausführiicber gehandelt werden, da sie für ihre Zeit 
sehr gut ausgerüstet war und da nur wenige deutsche 
Hochschulen ein derartiges Institut besaßen. 

Im Jalii i' 1 ()5T wurde auf Ansuchen des Professors 
Treu ein Turm der nördlichen Stadtmauer zu Altdorf 
als Observatorium eingerichtet, indem derselbe mit 
Fenstern und einem drehbaren Dach versehen wurde 
Die Beobachtungsmittel waren ziemlich gering, aber 
nach Wills Urteil für damals vortrellln h. Sie bestanden 
in einem Azimutalkreis von fast 3 m Durchmesser, iu 
dessen Mitte an einer vertikalen, drehbaren Säule ein 
Vertikalquadrant von ca. 1 m Radius angehracht war; 
außerdem in einem Sextanten von gleichem Radius^). 
Nach dem Tode Treus stifu ten die Kuratoren ein ca. 
2,5 m langes Keplersches Fernrohr Der Treuturm — 
so nannte man diese Sternwarte — hatte jedoch keine 
besonders günstige Lage und bot nicht genügend Raum. 

Vtri. II. Müller, Pr(»::raiiiina, De Hpecitlis iiranicis. 171H, 
P. 2C6 f. und (Oratio, Deduplk i praxeos phys. et iiialli. seO}K), 1721, 
S. 28G f. bei^ebundeii dem Collegium experimeiitale v. U. Müller, 
^oriml)., 1721. 

-) Der Sextant i^t i'in ;<eehstel kreis und gleicht au CieBtalt 
und \'er>veiidtin{j: dem (Quadranten. V^l. S. 54,n. 

Der Aziinutalkreis mit Ueiu Verlikalquadranteii ist (vgl. Murr. 
S. 59;{) in Trini'n Dirtrtorium mathcniaiieuni (Astronomie, S. 51 f. 
11. lal). II, Fi^. V) alip^ebildet. Die ebondort befindliche FijiurVlI 
gtellt einen Tvehoniscben Sextanten dar. der an einer 9cnkn*ehten, 
anscheinend drehbaren 8äulc befestigt ist und in einer vertikalen 
Ebene bewagt werden kann. Dieser Sextant ist vermutlich der o1>cn 
arwähnte. Als ein wdteres Boobachtungsinstrament nennt Treu 
(ibid. S. 52 Fig. VI) den „tubus opticus", sagt jedoch nicht, ob 
dcrsetbe Eigentum der Sternwarte war oder ihm selbst gdiorte. 

^J.Ch. Sturm, Collegium expaimentalo, Norimb.l<}76, S.151f. 



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V 



• — 57 — 

Er wurde baufällig und .schließlich, in den Jahren 17 Uli 
und 1704, machte man auf obcrheiTÜchem Befehl eine 
Wachstube daraus, da wegen des besonders in diesen 
Jahren in Bayern sich abspielenden spanischen Erb- 
folgekrieges Einfälle aus der Nachbarschaft zu be- 
fürchten waren ^). 




Fig. 5. Nach Baicr, Bcschr. der Univ. AlUlorf (1714). 

Im Jahre 1711 wurde unter Professor Heinrich 
Müller auf dem Kollegiengebäudo eine neue größere 
Sternwarte gebaut"^) (vgl. Fig. 5). Sie bestand aus dem 
frei aus dem Dache herausragenden „Observations- 
zimmer", das oben eine umgitterte Plattform trug; 
letztere war von dem seitlich angebauten, sechseckigen 
„Observationstürmchen" erreichbar. Die Sternwarte 
war sehr geniumig, nahm eine Grundfläche von etwa 
30 qm ein und bot nach allen Seiten freien Ausblick. 
Der früher auf dem Treuturm befindliche Azimutalkreis 



') Univ.-R(X'hmin^ von 1712 (Kreisarchiv Xürnborjr). 
«) WUl, Gesch. d. Tniv., S. 198 f. 



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— 58 ~ 

mit Vertikalquadrant wurde auf der PJatttoriii auf- 
gestellt. Die vertikale, über 2 m hohe, drehbare Säule 
wird, wie die Figur zeigt, von vier eisernen Beigen 
gehalten; oben tiägt sie eine Armillarsphftre von ca. 
1 m Durchmessor. Letztere für die Polhöhe von Alt- 
dorf eingestellt, diente wahrscheinlich auch zu Winkel- 
messungen, namenthch der Deklinationen und Rektas« 
zensionen. Zu dem alten Fernrohr wurde 1713 ein 
weiteres angeschafft*). Die Glftser, ein Okular und 
ein Objektiv wurden aus Danzig bestellt und kosteten 
mit den Transportauslagen 25 fl. Ferner wurden hier- 
für 2 Bohre hergestellt, das eine ca. 4 m, das andere 
ca. 10 m lang; ob dieselben ineinander steckten, oder 
ob in jedes Rohr getrennt die Linsen eingesetzt werden 
konnten, darüber habe ich keine Mitteihnig gefunden. 

Im Observationszimmer befand sich ein von dem 
Nürnberger J. G. Bbersberger *) 1739 verfertigter 
Sonnenquadrant') aus Messing von ca. 0,8 m Radius, 



') l^iiiv.-Kochnung v. 1713 (Kreiearchiv Nürnberg). 

-) ^hwv l)erichtet (8. 594), ElKTSpcrger, Kupferstcx-her iinxl Te il- 
haber der berühmten Homaiinischen Laiulkiirt(>iioffiiiii. habe 1751 
einen astronomiBchen , durch TransvemlÜDicii geteilttn Mcssing- 
quadranten, der auf einem schwarz gebeizten (tcstell befestigt war, 
für die Altdorfer Sternwartt^ mit Hilfe des Zirkel8chiiu(<les Leitner 
heigestdlt. Wahrscheinlich ist dieser Quadrant einer der oben (von 
W|U) genannten und Eberspergei ist identisch mit J. 6. Ebers- 
berge r. 

Der Bonnenquadrant (Quadiantaluhr, horodicticnB quadoms) 
ist ein Qtuidnint, mit dem man die Sonn^dhe und daraus die 
dazugehörige wahre Sonn^ozeit mißt Auf der Flache des Qusr 
draiiten sind zu diesem Zweck für eine bestimmte geogr. Bidte für 
jede Jahreszeit getrennt die Tageszeiten graphisch dai^tellt, weiche 
den jeweiligen Sonnenhöhen entsprechen. Siehe N* Bion Math. 
Werckschul, S. 353. 



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— 59 — 



an welchem mittels eines Nonins iVw Minuti u abgelesen 
werden konnten ; desgleichen ein von demselben Mecha- 
niker hergestellter Azimutalquadraot von ca. 0,6 m 
Radius, an dessen Alhidade sich ein ca. 0,5 m langes, 
mit Okularmikrometer versehenes Spiegelteleskop an- 
bringen ließ. Das Observationstürniehen diente eben- 
falls zu Beobachtungen und war als Camera obscura 
eingerichtet^). Hier hing eine von dem Nürnberger 
Sjach. Landeck') konstruierte Gewicfatsuhr mit einem über 
0,90 m langem Pendel (wahrscheinlich einem Sekunden* 
Diese Uhr zeigte Minuten und Sekunden, 
mulate alle Monate einmal aufgezogen werden und war 
1715 um 60 fi. angekauft worden. Später wurde auf 
der Sternwarte von J. T. Mayer, Professor der Math. 
undPhys. von 1780bisl786, ein ca. 2,5m hoher Gnomon^) 
auigestellt. der die Mittagszeit auf eine halbe Sekunde 
genau angab. Sein Nachfolger, Professor »Späth (%gl. 
S. 37), lieferte ferner ein 3 m langes astronomisches 
Fernrohr. Ob sich die von Will ausgesprochene Hoff- 
nung erfüllt hat und die physikalisch-astronomische 



*) Diese Camera ol)^?<■ura int wohl gemeint, wenn es in der 
I'nivcTsitätsrcchnung (Kroisarchiv Xürnborg) von 171[S heißt: Hat 
der Notariue auf des H. Mathematici Beehren 21 Kreuzer fiir eine 
Vorriehtitnjj: an einer Camera obsenra ans<;elegt. 8iehe Nachtrag. 

°i /ach. Laiideek wird V(m l)o])|)ehnayr (S. ] J2) als ein „ge- 
sell iekter Mechaniker" erwähnt; er lebte am Anfang des 18. Jahr* 
httnderts. 

•) Der Gnomon, bereits um 1100 v, Clir. den Chinesen be- 
kannt ist eine vertikale Säule, aus deren Sehattenlänge die Sonnen- 
höhe, die Mittagslinie und Mittagszeit bestunmt wird,. Am oberen 
Ende ist mdstens ein kleines Loch angebracht. Dadurch wird ein 
kleines lichtfleckchen auf dem horisontaleii Boden caseugt, welches 
genau beobachtet weiden kann. Siehe H. Ldsehner, Über Sonnen- 
uhren S. 15 f. 



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— 6U — 

hainmliuig noch weiter vergrößert worden ist, das läßt 
sich jetzt nicht mehr feststellen, da die Universitäts- 
rechnuDgen keine Angaben hierüber enthalten und die 
meisten Instrumente geschenkt wurden^). Nach den 
Akten von 1812^) wurden alle diese Apparate, ohne ein 
Protokoll oder Verzeichnis hierüber anfzimelnnen, nach 
Nürnberg für eine neue Schule (Realiiistitut)^) abgeholt 
und mögen wohl späterhin teilweise zugrunde gegangen 
sein. Trotz mannigfacher Umfragen konnte ich nichts 
über ihr weiteres Schicksal erfaln en. Im Germanischen 

») S. GüntluM- sehreiht (Allj?. deutHthe Bio^^r. |lS8ü|, Bd. 22, 
8. 88;') und Mittoil. d. Ver. f. Oosch. d. Stadt N{hnhoT<r. H.H. S.9), 
die Altdorfcr Storn Wal to sei auch mit einem Bütziihleiter ausgerüstet 
gewesen. Ich habe hiefür keinen Beleg gefunden. Xur Will spricht 
an einer Stelle (Gesch. d T^niv. Altdorf |1795 u. WIJ, S. 20H) 
von „Wcttcrableitern". Ks heißt dort: „Ein dnzigesmal ist das 
vortreffliche Koll<>(:ri(.iijr(.hiiude in Gefahr gewesen zu verunglücken, 
ihi nemlich im J. 1719 am ^ri( haelistage ein sehröeklicher Blitz 
mit einem luigeheueren einzigen I)onners<-hlag verbunden ich 
unter dem Observatorium auf dem Dache diigeachlagen bat. Jedoch 
das Unglück wurde al^ewend^ und wir hoffen von der göttlicfaen 
Güte und der, wegen der ywim Bibliotheken nötigen Fürsorge mit 
dem (sicl) schon im Werke gewesenen WetteraUeiteni, auch fär 
die Zukunft von weitere Gefahr verschont zu werden". Die letaten 
etwas unklaren Worte berechtigen hilchstens zu dem Schlüsse, daß 
zur Zeit der Abfessung von Wills Universitätsgeschichte, um 1795, 
das KoU<^enhaus mit Blitzableitem versehen war.' 

*) Protokoll über die Revision der samtl. Universitäts- Atfxibute 
V. 9. u. 10. Jan. 1812 (Akten auf dem Syndikat zu B^Iangen^ 

*) Das 1809 gegründete Betdmstitut wurde 1816 au^Öet 
und in eine höhere BuTgerschule umgewandelt, weldie 1833 als 
Krds-Landwirtschaftliche* und Gewcrbe^Schule in das Augustinef- 
klostcr verlegt wiude. Schon im fidgenden Jahre ^ng letzteie in 
die städtische Handclsgewerbeschule auf und führt seit 1851 den 
Namen städtische Handelsediulc. Vgl. J. B. Fri«n, Gesch. d. Stadt 
Nürnberg 1875, S. 372ff. 



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~ 61 — 



Museum zu Nürnberg sind zwar noch verschiedene 
Instrumente, wie Fernrohre, Quadranten etc., zu sehen, 
die mit den ehemals in Altdorf vorhandenen einige 
Ähnlichkeit besitzen. Allein, da die Museumskataloge 
über deren Herkunft keinen Aufschluß geben, so ließen 
sich höchstens Vermutungen aussprechen, aber keine 
Beweise erbringen. 

Hier möge noch die an dem Turm des Kollegien-, 
jetzigen Seminargebäudes zu Altdorf befindliche Zeig- 
und Schlaguhr^) kurz erwähnt werden, deren Werk 
künstliche Figuren und eine Mondkugel in Bewegung 
setzt. Sie stammt aus dem Jahr 1583, der Verfertiger 
ist jedoch nicht bekannt. Die daran angebrachten 
Buchstaben J. H. mögen vielleicht seinen Namen an- 
deuten, allein ich habe keinen Nürnberger Künstler 
gefunden, dessen Namen mit diesen Buchstaben be- 
ginnt 

Die Uhr ist jetzt noch im Gange, die Sternwarte 
hingegen wurde mit der Universität aufgehoben und 
später abgebrochen. 

Schlaguhren auf Türmen waren im 16. Jahrh. keine Selten- 
heit mehr. Die älteste Schlaguhr bekam Msülaiul 1336. Sehr früh- 
zeitig wurden an den Räderuhren bewegliche Figuren augebracht; 
auch astronomische Erscheinungen wurden von dem Werke an- 
gezeigt. Zwischen 1356 u. 1361 entstand das Wahrzeichen Nürn- 
bergs, die Uhr mit dem „^liinnleinlaufen'' an der jetzigen Lieb- 
frauenkirche. Vgl. Bassermann-Jordan, Die (Tcschichte d. Rädenihr, 
Frankfurt a. M., 1905, S. 18. 

*) Siehe Will, Gesch. d. Univ. Altdorf, S. 203. 



V 



Lebenslauf. 



Verfasser vorstehender Abhandlung, Georg Fric 
rieh Klee, bayerischer Staatsangehörigkeit, evangehs» 
lutherischer Konfession, wurde geboren zu Aue, B( 
Amt Hilpoltstein, am 11. Februar 1882 als Sohn ( 
dortigen Lehrers Wilhelm Klee und seiner Ehofi 
Margareta, geb. Lohmann. Er besuchte die Vol 
schule zu Aue, wurde nach zweijährigem Privatunt 
rieht 1893 in das humanistische Gymnasium zu Erlang 
aufgenommen, wo er 1900 absolvierte. Im gleicl 
Jahre trat er als Einj.-Freiw. beim 19. Inf.-Kegt. > 
und ließ sich als stud. math. et phys. an der U 
versität Erlangen immatrikulieren. 1902 begab er s 
für 2 Semester nach München und bestand dasei 
im Herbst 1903 den L Abschnitt der Prüfung für t 
Unterricht in der Mathematik und Phvsik. Nachd 
er in 2 weiteren Jahren seine Studien in Erlang 
vollendet hatte, bestand er 1905 den IL Abschnitt » 
Lehramtsprüfung. Während seiner Universitäts> 
hörte er in Erlangen die Herren Fischer, Gord 
Lenk, Nöther, Pechuel-Loesche, Römer, G. C. Schm 
(jetzt in Münster), Welmelt (jetzt in Berlin), Wie 
mann, Wiegand (jetzt in Greifswald); in München 
Herren Bauer, Doehlemann, v. Heigel. 

Im Dezember 1905 wurde er dem pädagogis 
didaktischen Seminar des Realgymnasiums Müncl 
zugeteilt. Seit 1900 widmete er sich unter Anleiti 
von Herrn Professor Dr. E. Wiedemann dem Studi 
der Geschichte der Physik mit dem Ergebnis der v 
liegenden iVi-beit.